Die Börsenturbulenzen der letzten Wochen haben einige Marktexperten dazu veranlasst, den allgemeinen Niedergang der Aktienmärkte auf breiter Front zu prophezeien. Laut Tilmann Galler, globaler Kapitalmarktstratege bei J.P. Morgan Asset Management, sollten sich Anleger jedoch 2019 nicht komplett verderben lassen: "Es gilt, sich ein breites Gesamtbild zu machen, und das ist trotz aller Marktvolatilität derzeit gar nicht so übel."

Technische Indikatoren schüren derzeit Ängste mit schaurigen Namen wie "Todeskreuz" oder "Hindenburg-Omen". Crash-Auguren werden zudem durch die partielle Invertierung der US-Zinsstrukturkurve bestätigt, wo die Zweijahresrenditen der US-Treasuries jetzt höher rentieren als die Fünfjahresrenditen – ein Phänomen, das zumindest nach den Erfahrungen der Vergangenheit oft einer nahenden Rezession vorausgegangen ist.

Entgangene Gewinne wiegen schwerer als echte Verluste
"Die Crux der technischen und oft trendbasierten Signale ist, dass sie zwar in der Lage sind, vor einem Crash ein Warnsignal zu liefern, aber auch viele Fehlsignale bei kleineren Marktkorrekturen generieren. Seit Beginn des Bullenmarktes im Jahr 2009 gab es im S&P 500 vier sogenannte  Todeskreuze, und alle waren kolossale Fehlsignale“, beschwichtigt Galler. Investoren, die aufgrund der Indikatoren komplett aus Aktien ausgestiegen seien, hätten bis heute zwischen 40 und 200 Prozent an Wertentwicklung verpasst.

Bei der Zinsstrukturkurve sei dahingehend Vorsicht geboten, dass es lediglich eine Indikation des Marktes ist, wann die Notenbank mit den Zinserhöhungen langsam am Ende der Fahnenstange angekommen ist. Historisch habe es nach einer Invertierung im Durchschnitt 20 Monate gedauert, bis es zu einer Rezession in der US-Wirtschaft gekommen ist, wobei die Spanne zwischen 11 Monaten (September 1980) und 34 Monaten (Mai 1998) liegt.

Konjunktur kühlt ab – aber keine Rezession in Sicht
Viele Investoren waren zuletzt in Sorge, dass erstens der Höhepunkt des globalen Wachstums überschritten sein könnte und zweitens neben der normalen, zyklischen Abschwächung die zahlreichen politischen Risiken das Wachstum so weit schwächen, dass eine Rezession in Reichweite wäre. "Wenn wir in die USA schauen, sind nach unserer Einschätzung die Rezessionsrisiken für die kommenden zwölf Monate relativ gering. Die Konsumnachfrage, die immerhin zu 68 Prozent des US-BIP beiträgt, sollte auch im kommenden Jahr aufgrund der positiven Effekte von Steuersenkungen, steigenden Löhnen und einem stabilen Arbeitsmarkt unterstützend wirken“, findet Galler. 

In China, der inzwischen zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt, sollten nach Ansicht von Galler die Lockerung der Geldpolitik, die schwächere Währung und eine expansivere Fiskalpolitik das Wachstum in der Region von 6 bis 6,5 Prozent stabilisieren.

Europa mit hausgemachten Problemen
In Europa haben hausgemachte Probleme wie der Brexit, der italienische Budgetstreit und soziale Unruhen in Frankreich, verbunden mit dem von der US-Regierung initiierten Handelskonflikt, das Sentiment im Industriesektor deutlich abkühlen lassen. Dennoch gibt es auch in Europa von der Konsumseite positive Nachrichten. "In Europa erholt sich, wie in den USA, der Arbeitsmarkt mit entsprechend positiven Folgen für das Lohnwachstum. Steigende Löhne und der Rückgang des Ölpreises dürften die Konsumnachfrage entsprechend unterstützen“, erklärt Galler.

So ist nach seiner Einschätzung auch für die Gewinne der Unternehmen ein geringeres Wachstum, aber eben kein Stillstand zu erwarten: "Die Aktienmärkte versuchen, eine Balance zu finden zwischen der Chance auf ein schwächeres, aber positives Wachstumsumfeld und dem Risiko einer Rezession. Das ist in einer Spätphase des Konjunkturzyklus nicht unüblich“, betont Galler. Und genau deshalb sei es zu früh, sich ganz aus Aktien zu verabschieden. (kb)