2019 ist für die meisten Investoren hervorragend verlaufen. An den Aktienmärkten sind die Verluste des Jahres 2018 längst vergessen, und bei den Anleihen kamen die Investoren auch überraschend gut weg. Doch der Blick auf 2020 fällt zwiespältig aus – insbesondere für auf Sicherheit und Income bedachte Anleger.

Assets mit wenig Risiko bringen (nach wie vor) nichts ein. Auf der anderen Seite ist volles Risiko auch nicht angebracht, weil das Jahr durchaus volatil werden kann: geopolitische Unsicherheiten, Brexit und die US-Präsidentschaftsahlen seien genannt.  

"Alle Anlageformen in Betracht ziehen"
"Wir sind mit den Kunden da völlig ehrlich und sagen, wir können dir kein Income ohne Risiko finden", sagt Karen Ward, Chefstrategin für den Bereich Europa-Arabien-Afrika (EMEA) bei J.P. Morgan Asset Management. "Wir legen einfach alles auf den Tisch, von Aktien über Anleihen, Emerging Markets und Alternatives, und beschäftigen uns intensiv damit, die richtige Auswahl für die Risikovorstellungen zu finden. Man muss wirklich alles in seine Betrachtungen miteinbeziehen", so Ward im Gespräch mit FONDS professionell ONLINE.


Im Interview sprach Ward, die vor ihrem Posten bei J.P. Morgan AM unter anderem wirtschaftliche Chefberaterin des britischen Schatzkanzlers war, über das Verhältnis der Briten zu Europa rund um den nahenden Brexit. Lesen Sie mehr in der Bilderstrecke oben. 


Dass die Not der Anleger noch länger anhält, werde mit Blick auf die global expansive Geldpolitik deutlich. Die Bilanzen der Notenbanken weltweit dürften laut Berechnung von J.P. Morgan Asset Management Ende 2020 auf einen neuen Rekord von 16 Billionen US-Dollar auflaufen.

"Wirklich schwere Zeiten für Anleger"
Aber sollte die Investoren ein neues Hoch nach den Rekorden der vergangenen Jahre noch schockieren? Ja, sagt Ward. "Die Notenbanken haben für die Zeit nach der Krise ein Schrumpfen der Bilanzen versprochen. Doch diese Idee wurde nun offenbar komplett aufgegeben. Es ist, als ob ich meinen Neujahrs-Diätvorsatz schon Mitte Januar über Bord geworfen hätte", so Ward. Die Tatsache, dass eine Bilanzreduktion vom Plan verschwunden ist, sei ist für Investoren und Anleger auf der Suche nach Rendite ein eindeutiges Signal. "Es sind wirklich schwere Zeiten für Anleger".

Schwierig nicht zuletzt auch angesichts kapitalmarktrelevanter Ereignisse mit ungewissem Ausgang – etwa die US-Präsidentenwahlen im November. Man werde diesmal nicht schon im Frühjahr, sondern erst im Sommer eindeutig sehen, welcher Kandidat sich bei den Demokraten durchsetzt, da diese ihr Wahlsystem geändert haben. Das könne Volatilität mit sich bringen.

Keine Partei kann beide Kongresskammern dominieren
Denkt man weiter, können diese Wahl-bedingten Unsicherheiten jedoch relativ gut eingegrenzt werden. Und zwar mit Blick auf die US-Kongresswahlen, die ebenfalls im November stattfinden. "Was wir mit großer Überzeugung sagen können, egal, ob Donald Trump oder ein Demokrat die Wahl gewinnt, es wird keine Kontrolle der beiden Kongresskammern durch eine der Parteien geben", sagt Ward. Und damit sei keine aggressive Durchsetzung großer Maßnahmen möglich. "Das sollte für eine gewisse Stabilität sorgen".

Gemeint ist die momentane Oberhand der Demokraten im Repräsentantenhaus (233 von 435 Sitzen), während im Senat die Republikaner die Mehrheit (53 von 100) haben. Eine Veränderung dieser Verhältnisse durch den anstehenden Urnengang gilt als unwahrscheinlich, da etwa im Senat nur 35 von 100 Sitzen zur Wahl stehen und die Demokraten sämtliche Umfragewerte massiv übertreffen müssten, um insgesamt auf eine Mehrheit zu kommen.

"Steuersenkungen haben enormen Beitrag geleistet"
Dass schon wieder US-Präsidentenwahlen vor der Tür stehen, während sich große Teile der Weltöffentlichkeit noch immer nicht an den Exotenstatus des aktuellen Amtsinhabers gewöhnt haben, verdeutlicht die Dynamik der vergangenen drei Jahre in diesem Markt. "Die Zeit vergeht wie im Flug, wenn man Spaß hat“, sagt Ward, angesprochen auf Trumps Führungsstil.

Was mit Augenzwinkern gemeint ist, habe jedoch einen wahren Kern: "Für die US-Bürger sieht die Situation so aus: Die Aktienmärkte sind gut gelaufen, die Arbeitslosigkeit ist tief, die Wirtschaft läuft gut. Wenige Präsidenten sind mit so guten Voraussetzungen in eine Wahl gegangen. Die Steuersenkungen haben einen enormen Beitrag geleistet", so Ward. Gleichwohl könne ein Ausgang der Wahlen nicht seriös prognostiziert werden; bei den US-Präsidentschaftswahlen seien die Chancen auf ein Drehen der Meinung stets sehr hoch.

"Fed entscheidet selbst"
Eine eventuelle Wiederwahl Trumps auf das Verhalten der US-Notenbank Fed sollte, geht es nach Ward, jedenfalls nicht all zu hoch bewertet werden. Die Fed hat im Vorjahr drei Mal den Leitzins gesenkt und ist nun im "Stand-by-Modus". Trump hatte – für einen Präsidenten ungewöhnlich – Druck bezüglich einer Zinssenkung gemacht. "Die Fed ist jetzt in Wartestellung, weil sie das will, nicht wegen der Wahlen. Die beobachten momentan einfach, wie ihre Maßnahmen auf den Markt wirken", sagt Ward.

Auch bezüglich der Fed sieht sie keine all zu großen Überraschungen anstehen: Für Zinsanhebungen in den USA gebe es keinen Anlass. "Gleichzeitig gibt es einen Widerwillen, noch einmal die Zinsen zu senken, das sollte vorerst ebenfalls Stabilität versprechen", so Ward. (eml)