Am morgigen Dienstag stimmt das britische Parlament über den Deal zum Ausstieg aus der Europäischen Union ab, den Premierministerin Theresa May mit der EU ausverhandelt hat. Wird der Entwurf abgelehnt, droht ein harter Brexit, wobei die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Großbritannien und der EU weitgehend ungeregelt wären. Ein "Nein" zum vorliegenden Vertrag wäre ein "katastrophaler und unverzeihlicher Vertrauensbruch in unsere Demokratie", hatte May am Wochenende noch gewarnt. FONDS professionell ONLINE hat mit Karen Ward, Chefstrategin für die Region EMEA bei J.P. Morgan AM gesprochen, die die britische Politik als Insiderin kennt.


Frau Ward, Sie wurden just nach dem Brexit-Votum im Jahr 2016 Chefin des ökonomischen Beraterteams von Schatzkanzler Philip Hammond. Haben Sie diese Rolle angenommen, um einen Beitrag zu leisten?
Karen Ward: Ja. Ich habe einen Anruf bekommen im Herbst nach der Wahl, dass man eine Ökonomin braucht für die wirtschaftliche Strategie. Meine erste Reaktion war "nein, das kann ich gerade nicht machen, ich habe kleine Kinder". Dann hat mein Mann gesagt, "komm schon, es ist Brexit, du musst deinem Land helfen". Ich habe Philip Hammond getroffen, für den ich schon davor sehr hohen Respekt als wirtschaftlich denkender Politiker hatte. Er war sehr fokussiert darauf, die richtigen Entscheidungen für die Wirtschaft zu treffen. Zwei Monate später saß ich in der Downing Street Nummer 11.

Was haben sie Herrn Hammond geraten in dieser Situation?
Ward: Wir waren sehr bedacht darauf, die Wirtschaft zu unterstützen. Unsere Priorität war sehr klar, den Zugang zu den Märkten der EU in einer gewissen Form zu erhalten.

Was war persönlich Ihr erster Gedanke, als Sie den Ausgang des Votums 2016 hörten?
Ward: Ich war nicht groß überrascht. Es gab sehr tief verwurzelte Bedenken in der britischen Bevölkerung besonders über die Schnelligkeit und den Umfang der Migration. Für mich, genauso wie für den Schatzkanzler, war es das wichtigste, die Besorgnisse ernst zu nehmen. Es war eine demokratische Entscheidung. Man muss verstehen, was die Leute damit sagen wollten, auch wenn das nicht leicht ist, weil es sich um viele Einzelmeinungen handelt. Auf der anderen Seite wollten wir das Beste für die Wirtschaft machen.

Es war eine demokratische, aber eine sehr knappe Entscheidung mit 51,9 Prozent. Demokratie besteht nicht nur in der Mehrheitsfindung, sondern zeigt sich auch in den laufenden Prozessen.
Ward: Es ist immer schwierig, wo man die Linie zieht. Es gab in diesem Fall eine klare Frage und eine klare Antwort. Die Ansichten sind aber geteilt. Ein Teil der Bevölkerung und des Parlaments ist der Meinung, dass man sich den Zugang zu den Märkten der EU erhalten soll. Etwa über eine Zollunion oder durch einen vollen Zugang. Der andere Teil will Unabhängigkeit. Zugang zu bewahren, würde für sie bedeuten, dass man Regeln und Regulierungen akzeptieren muss, und damit könne man nicht eigenständig sein. Da verläuft eine Konfliktlinie und deswegen haben wir so viele Probleme, einen Brexit-Deal zustandezubringen. Die Premierministerin hätte unmöglich einen Vertrag aushandeln können, der beide Seiten zufriedenstellt. Zuletzt haben ihr jene eine Schwächung zugefügt, die für ein Verbindung zur EU sind, es waren weit über 300. Die Premierministerin wird den Deal durchbekommen.

Und falls nicht?
Ward: Dann geht es eher in Richtung eines Verbleibs als in Richtung No-Deal. Wenn ich mit Kunden spreche, dann ist mein wahrscheinlichstes Szenario, dass dieser Deal durchgeht, am zweitwahrscheinlichsten ist ein Verbleib-Szenario. Ein No-Deal hat eine sehr kleine Wahrscheinlichkeit.

Wenn Sie eine Ja-Nein Antwort geben müssten: Wird Großbritannien die EU verlassen?
Ward: Ja. Ich würde sagen, zu 80 Prozent gibt es irgendeine Art von Austritt, aber einen Soft-Brexit. Die Chancen, dass es zu einem neuen Referendum über den Verbleib kommt, sehe ich bei 20 Prozent.

Wie groß ist der Druck auf die handelnden Personen wie Theresa May, oder Philip Hammond? Die politische Debatte ist sehr hart, der gemäßigte Hammond zum Beispiel wurde als Verräter der Brexit-Idee bezeichnet. Könnte eine der zentralen Personen aufgeben?
Ward: Ich war besorgt, dass da ein Risiko bei der Premierministerin besteht. Sie hat unermüdlich gearbeitet, den Deal mit der EU hinzubekommen. Es war unter den gegebenen Voraussetzungen der beste, den sie erzielen konnte. Als sie zurückkam, wurde sie kritisiert, ohne dass alternative Optionen vorgebracht worden wären. Diese Menschen nehmen eine solche Position aufgrund einer tiefen Hingabe für den Staatsdienst ab. Die Premierministerin hat eine außergewöhnlich hohe Leistungsbereitschaft. Sie will wirklich das beste für Großbritannien erreichen.  

Ein hierzulande wenig berichteter Grund, warum Theresa May beim Brexit nicht einfach durchregieren kann, liegt an einer Klage, die Gina Miller, Mitgründerin einer Investmentfirma, anstrengte und gewann: Nur deshalb darf das Parlament in der Brexitfrage mitbestimmen. Anfangs hieß es, die Widerstände gegen den Brexit seien gerade in der Finanzbranche größer als im Rest der Bevölkerung. Ist das noch immer so?
Ward: Ich kenne keine Umfragen. Aber man sieht diese tiefe Spaltung der Bevölkerung überall. Egal ob man am eigenen Esstisch sitzt oder am Arbeitsplatz oder wenn man durch das Land fährt. Die Premierministerin hat klargemacht, dass ein No-Deal-Brexit keine gute Option ist. Sie versucht, ihre Partei (Konservative, Anm.) dazu zu bewegen, sie in diesem Deal zu unterstützen. Worum es geht, ist nicht Parlament gegen Premierministerin. Sondern Parlament gegen Komponenten der konservativen Partei, die No-Deal-Ambitionen haben. Ich sage Kunden immer wieder, wenn man gewisse Schlagzeilen über einen harten Brexit liest, muss man sich in Erinnerung rufen: Es gibt keine Mehrheit für einen No-Deal im britischen Parlament.

Würde ein Soft-Brexit-Szenario für eine Erleichterung der Märkte reichen?
Ward: Sicherlich. Man muss sich nur anschauen, wo das Pfund stand, als May im November mit dem Brexit-Deal aus Brüssel zurückkam: vier Prozent höher als heute. Dann kam es zur Revolte gegen den Deal, die Rücktrittswelle im Kabinett, das Misstrauensvotum, die das Pfund hinuntergezogen haben. Wenn der Deal durchgeht, würde ich erwarten, dass es wieder zurückgeht, wo es im November war. Das Sterling könnte um fünf Prozent zulegen. (eml)


Welche Gefahren birgt der Brexit für die Anleger und mit welchen Investmentlösungen sichert man sich am sinnvollsten ab? Diese Fragen können Besucher am FONDS professionell KONGRESS am 6. und 7. März 2019 in Wien auch an die Experten von J.P. Morgan Asset Management richten. Vor Ort sind unter anderem der Top-Portfoliomanager Jakob Tanzmeister und der nie um klare Worte verlegene Stratege Tilmann Galler.