Deutschland und Europa werden nach Einschätzung von Michael Hüther den Wettbewerb um die Entwicklung führender KI-Modelle nicht zwingend gewinnen müssen, um wirtschaftlich von künstlicher Intelligenz zu profitieren. Entscheidend sei vielmehr, die Technologie in Produktion, Logistik, Qualitätskontrolle und Dienstleistungen zu überführen, schreibt der Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in einem Beitrag auf Linkedin.

Hüther verweist darauf, dass wesentliche Anbieter großer KI-Modelle derzeit aus den USA und China kommen. Dies sei jedoch nicht gleichbedeutend damit, dass dort auch die profitabelsten Geschäftsmodelle entstünden. "Geld wird nicht durch Chatten verdient", so Hüther. Einfach gesagt, müsse man bei neuen Technologien nicht unbedingt das Rad neu erfinden. Man müsse es nur besser als andere in die eigenen Prozesse einbauen. Und Deutschlands Stärke liege traditionell gerade in der Verbindung von industriellem Know-how, Engineering und kundenbezogenen Dienstleistungen.

KI-Einsatz in der Industrie
Gerade regional vernetzte industrielle Strukturen könnten aus Sicht Hüthers einen Vorteil bieten. Maschinenbauer, Zulieferer, Softwareunternehmen und Ingenieurdienstleister arbeiteten in solchen Clustern eng zusammen. KI könne dort in bestehende Wertschöpfungsprozesse eingebettet werden, etwa durch vorausschauende Wartung, Datenauswertung, automatisierte Qualitätskontrollen oder digitale Serviceangebote.

Für diese Einschätzung gibt es zumindest einen empirischen Anhaltspunkt: Eine Studie der IW Consult im Auftrag des Verbands der Internetwirtschaft Eco beziffert den bereits heute in Deutschland erzielten Umsatz aus KI-gestützten Produktinnovationen und neuen Dienstleistungen auf mehr als 120 Milliarden Euro. Die Zahl erfasst laut Studie wirtschaftliche Effekte aus Anwendungen und Angeboten, nicht den Umsatz reiner KI-Modellentwickler.

Souveränität als Wettbewerbsfaktor
Ein weiteres Geschäftsfeld sieht Hüther in datenschutzkonformen und souveränen KI-Lösungen. Dies betreffe insbesondere Behörden, Krankenhäuser, Banken sowie Industrieunternehmen mit sensiblen Produktions- und Forschungsdaten. Für diese Nutzergruppen könne die rechtliche und technische Kontrolle über Daten bei der Auswahl von KI-Anbietern ein wesentliches Kriterium sein.

Hüther argumentiert, dass US-Anbieter wegen des Cloud Act mit Vorbehalten konfrontiert seien. Das US-Gesetz ermöglicht Behörden unter bestimmten Voraussetzungen, von US-Dienstleistern die Herausgabe gespeicherter Daten zu verlangen, auch wenn diese außerhalb der Vereinigten Staaten liegen. Die daraus entstehenden Konflikte mit europäischen Datenschutzanforderungen werden seit Jahren diskutiert. Eine pauschale Unzulässigkeit der Nutzung US-amerikanischer Cloud-Dienste folgt daraus allerdings nicht.

Regulierung und Infrastruktur bleiben entscheidend
Mit der Datenschutz-Grundverordnung und dem AI Act verfügt die EU über einen einheitlichen regulatorischen Rahmen. Der AI Act ist am 1. August 2024 in Kraft getreten; seine Regelungen gelten schrittweise, während Vorgaben für bestimmte Hochrisiko-Anwendungen erst ab Ende 2027 beziehungsweise 2028 greifen. Die EU-Kommission verbindet damit ausdrücklich das Ziel, Vertrauen in KI-Anwendungen zu schaffen.

Hüther warnt zugleich vor Selbstzufriedenheit. Wer mitspielen wolle, müsse jetzt die entsprechenden Voraussetzungen schaffen. Und das heiße: "Deutschland muss die Talente gewinnen, die aktuell nicht in die USA wollen oder können." Und Europa müsse eine Regulierung umsetzen, die Vertrauen schaffe, ohne Innovation abzuwürgen. Und schließlich brauche es dafür genug günstige Energie und Rechenkapazität. Hüther: "Wenn all das gelingt, kann Deutschland auch im Zeitalter der künstlichen Intelligenz ein Wirtschaftsmotor sein." (hh)