Die Deutschen scheuen typischerweise das Risiko – als Anleger, Verbraucher und Bezieher von Arbeitseinkommen – und stehen sich damit selbst im Weg, ist Michael Hüther überzeugt. In einer noch unveröffentlichten Analyse, die der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ) vorliegt, attestiert der Direktor des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln (IW) Sparern, Unternehmern und Politikern "habituelle Fixierungen" und eine "mangelnde Bereitschaft, auf künftiges Wachstum zu setzen." Mit anderen Worten: Die Deutschen seien Angsthasen und bremsen das Land mit ihrer Risikoscheu aus.

Hüther zufolge liegt der Ursprung der urdeutschen Liebe zu Sicherheit und Stabilität weit in der Vergangenheit. In seiner Studie zitiert er den Forscher Geert Hofstede, der die Meinung vertritt, dass die zweifache Erfahrung von Hyperinflation in den vergangenenen 100 Jahren tiefe Spuren im kollektiven Gedächtnis der Deutschen hinterlassen habe. Hinzu komme der Wunsch, stets nach dem Prinzip der "schwäbischen Hausfrau" zu wirtschaften. Diese hält ihr Geld zusammen und zahlt ihre Schulden zuverlässig zurück. Hehre Tugenden für Privatpersonen – die aber laut Hüther für Unternehmen und Staaten keinesfalls erstrebenswert sind.

Chancen für eine neue Dynamik
Bei der Frage, wie die übervorsichtige Wirtschaftsweise der Deutschen überwunden werden kann, hat der IW-Direktor eine klare Meinung: Die Regierung solle Vorbild sein. Der Staat müsse "den ersten Schritt machen und beweisen, dass es Sinn macht, unternehmerische Risiken einzugehen", sagt er der FAZ. Um seine These zu untermauern, verweist Hüther auf Studien, wonach die öffentliche Hand "durch die Finanzierung jener Innovationen mit hohen, unternehmerisch kaum privat zu tragenden Risiken einen zentralen Einfluss auf das gesamtwirtschaftliche Innovationsgeschehen erlangt."

Früher sei der Staat an der Finanzierung vieler bedeutender Innovationen beteiligt gewesen, etwa bei der Erforschung und Nutzbarmachung der Kernenergie, des Internets oder des Spracherkennungssystems Siri. Dabei habe die Politik bewiesen, dass sie in der Lage ist, ausreichend Erträge zu erwirtschaften, die eine Finanzierung auf Pump rechtfertigen. Klar ist aber laut Hüther auch: Der Staat schafft nur die Startchancen für eine neue Dynamik. "Ergriffen werden müssen die Gelegenheiten von Unternehmerinnen und Unternehmern." (fp)