Das vergangenen Jahr war ein hervorragendes Börsenjahr für Europa, und auch 2026 hatte eigentlich das Zeug, die Erfolgsstory fortzuschreiben: eine enorme Bewertungslücke gegenüber den USA, zunehmende Kapitalzuflüsse und die Konjunkturprogramme in Deutschland. Fast drei Quartale später sieht die Realität aber anders aus, sagt Enguerrand Artaz, Stratege bei LFDE.

Europa kämpft mit zahlreichen Herausforderungen
"Der Krieg im Iran hat die Desinflation ausgebremst, die EZB zu Zinsanhebungen veranlasst und deutlich gemacht, wie stark Europa nach wie vor von Energieimporten abhängig ist", so Artaz. Folge: Die zuvor wiedererstarkten Zuflüsse in europäische Aktien sind weitgehend versiegt. Und: Die deutschen Konjunkturprogramme enttäuschen bislang sowohl durch ihre schleppende Umsetzung als auch durch ihre geringe Wachstumswirkung für Europa. Doch nicht nur das. Artaz sagt: "Die stetigen Fortschritte bei der künstlichen Intelligenz führen Europas technologischen Rückstand immer wieder vor Augen. Die Vereinfachung der bürokratischen und regulatorischen Rahmenbedingungen bleibt weitgehend ein frommer Wunsch."

Umso bemerkenswerter ist für ihn die Entwicklung an den Börsen: Denn trotz all dieser Gegenwinde halten die europäischen Märkte seit Jahresbeginn mit der Konkurrenz in den USA mit. Auch die Unternehmensergebnisse für das zweite Quartal liegen außerhalb der Energiebranche um elf Prozent über dem Vorjahresniveau und damit deutlich über den Erwartungen. Berücksichtigt man auch den Energiesektor, der durch den Anstieg der Ölpreise beflügelt wurde, so liegt der Zuwachs bei 23 Prozent.

Der Stratege sagt: "Nach den negativen makroökonomischen Überraschungen im Frühjahr hat sich der Trend nun merklich ins Positive verkehrt, auch wenn die absoluten Zahlen nach wie vor bescheiden ausfallen. Die Kapitalflüsse nehmen infolge des wiederauflebenden Optimismus wieder stark zu und nähern sich laut Goldman Sachs sogar den Rekordwerten von 2021 an." Dies führe zwar noch nicht zu einer deutlichen Outperformance Europas, doch es zeigen sich laut dem LFDE-Experten bereits erste Auswirkungen: unter anderem deutliche Zuwächse bei Small Caps, Mid Caps und prozyklischen Themen. Damit dieser Aufschwung nicht erneut ausgebremst wird, muss Europa seiner Meinung nach aber mit aller Kraft seinen größten Feind bekämpfen: sich selbst.

Das größte Hindernis bleibt Europa selbst
Artaz nennt dabei die Schwerfälligkeit der europäischen Institutionen, die Entscheidungen blockiere, während sich die geopolitischen und wirtschaftlichen Kräfteverhältnisse rasant verschieben. Auch die Europäische Zentralbank (EZB) könnte ihren Job seiner Meinung nach besser machen: "Der dogmatische Kurs der EZB verschärft die finanziellen Rahmenbedingungen unnötig, obwohl keineswegs eine Überhitzung der europäischen Wirtschaft droht." Zudem zeuge die Schwäche der EU beim Schutz ihrer strategischen Industriezweige vor chinesischen sowie amerikanischen Ambitionen gar von einer Naivität angesichts des Wandels der globalen Machtverhältnisse. Sogar eine neue Staatsschuldenkrise sei nicht ausgeschlossen, weil einige Länder wie Frankreich offenkundig nicht in der Lage seien, notwendige Reformen durchzuführen.

Dass viele europäische Unternehmen trotzdem international bestehen, sei bemerkenswert, so Artaz. Er fragt sich deshalb: "Wozu wären sie wohl fähig, wenn Europa ihnen die Fesseln abnehmen würde?" (jh)