Die Besserwisser bekommen kalte Füße. Unternehmensinsider, die im März 2020 mit ihren Käufen das Markttief relativ korrekt vorhergesagt hatten, haben ins Lager der Verkäufer gewechselt. Fast 1.000 Vorstände und leitende Angestellte von US-Unternehmen haben in diesem Monat Aktien ihrer eigenen Gesellschaften abgestoßen. Damit übertrifft die Zahl der Verkäufer die der Käufer im Verhältnis fünf zu eins, wie von Washington Service zusammengestellte Daten zeigen. Eine noch höhere Quote gab es in den letzten drei Jahrzehnten nur zwei Mal. Über diesen interessanten Umstand berichtet Bloomberg. 

Verkäufer wissen oft mehr...
Daten von InsiderInsights.com zeigen einen ähnlichen Trend. In den letzten vier Wochen lag die Zahl der Unternehmen mit Insider-Verkäufen um 186 Prozent höher als die von Unternehmen mit Käufen. Sie nähert sich damit der Marke von 200 Prozent, die in den letzten zehn Jahren tendenziell kurzfristige Marktspitzen markiert hat, sagt Jonathan Moreland, Research-Direktor bei InsiderInsights.com.

Unternehmenslenker nehmen vermehrt Gewinne mit

Oftmals waren Insiderverkäufe in der Vergangheit ein gutes Indiz dafür, dass die Aktienkurse zu hoch sind und bald wieder fallen (rote Punkte). Es gibt aber auch Beispiele dafür, dass die Insider zu früh verkauften und die Kurse weiter stiegen (gelbe Punkte).

Warnsignal voraus
Manche Analysten warnen zwar davor, zu viel in Insiderverkäufe hineinzuinterpretieren, weil außer der Bewertung auch noch andere Faktoren die Aktivitäten beeinflussen können – beispielsweise auslaufende Aktienoptionsprogramme, die insbesondere in den Vereinigten Staaten standardmäßig zum Gehaltsbestandteil von Top-Entscheidern gehören. Jedoch waren ähnliche Anstiege in diesem Jahr und 2018 Kursverlusten vorangegangen.

“Unser Indikator gibt nun ein Warnsignal ab”, erklärt Moreland. "Ich würde nicht sagen, dass jetzt jeder wegen der jüngsten Insiderdaten alles verkaufen und den Markt shorten soll. Aber das Signal gibt mir ein besseres Gefühl, wenn ich einige meiner Gewinner realisire. Wir trauen der jüngsten Markterholung immer noch nicht.“

Prominente Verkäufer
Der Aufsichtsratschef der  United Health Group, Stephen J. Hemsley, und der Chief Executive Officer von Morgan Stanley, James Gorman, gehören zu den prominentesten Insidern, die diesen Monat Aktien ihrer eigenen Unternehmen verkauft haben. Besonders bemerkenswert: Die Führungskräfte waren zugleich eine der wenigen Gruppen, die es wagten, während des Markteinbruchs im März auf Schnäppchenjagd zu gehen. Im Juli hingegen haben nicht einmal 200 Unternehmensinsider Aktien gekauft, verglichen mit einem Gesamtmonatsdurchschnitt von 1.160 Personen im ersten Halbjahr, wie Daten von Washington Service zeigen.

In Bezug auf den Gesamtwert haben Insider vergangene Woche Aktien im Wert von 52,6 Millionen Dollar verkauft, während sich ihre Käufe auf nur 3,4 Millionen Dollar beliefen, zeigen von Bloomberg zusammengestellte Daten.

Gemischte Ergebnisse
Der Vollständigkeit halber sei: Unternehmensinsider haben eine recht durchwachsene Erfolgsbilanz beim Timing ihrer Aktienverkäufe vorzuweisen. Ihre Eile zu verkaufen zu Anfang dieses Jahres erwies sich als richtig, denn nach seinem Allzeithoch im Februar stürzte der amerikanische Aktien-Leitindex S&P 500 ab. Ebenso war es bei der Verkaufswelle im Januar 2018, als auf den Anstieg des Benchmark-Index auf ein damaliges Rekordhoch eine Korrektur folgte. Nach den Verkäufen 2017 und 2019 hingegen stiegen die Kurse weiter. (aa/ps)