Bitcoin ist in den vergangenen zwölf Monaten um rund 40 Prozent gefallen und in dieser Woche unter 70.000 US-Dollar gerutscht. Dies untergräbt mehrere Argumente, die der Kryptowährung den Weg in den finanziellen Mainstream geebnet hatten.

Der Rückgang erfolgt, während Investoren Geld aus Bitcoin-ETFs abziehen, geopolitische Spannungen die Nachfrage nach traditionellen sicheren Häfen antreiben und Inflationssorgen wieder aufkommen. Statt vom Umfeld zu profitieren, tendiert Bitcoin schwächer. Einige seiner prominentesten Anlageversprechen verlieren dadurch zunehmend an Glaubwürdigkeit.

Inflationsschutz auf dem Prüfstand
Kaum eine dieser Thesen wurde häufiger auf die Probe gestellt als die Rolle von Bitcoin als Inflationsschutz. Nun steigt der Strombedarf durch den US-Boom bei künstlicher Intelligenz stark, die Stromnetze werden belastet und Sorgen über höhere Energiekosten geschürt – Investoren sehen sich erneut mit der Aussicht auf hartnäckigere Inflation konfrontiert. Statt von diesen Befürchtungen zu profitieren, bewegte sich Bitcoin jedoch in die entgegengesetzte Richtung.

Die Entwicklung reiht sich in eine lange Abfolge von Phasen ein, in denen Bitcoin Mühe hatte, eines seiner wichtigsten Versprechen einzulösen: Schutz vor steigenden Preisen und dem damit einhergehenden Kaufkraftverlust.

Theorie und Realität
Das Argument beruht auf dem begrenzten Angebot von Bitcoin. Anders als Fiatwährungen, deren Menge von Zentralbanken ausgeweitet werden kann, wird es nur 21 Millionen Bitcoin geben. Befürworter argumentierten jahrelang, diese Knappheit werde den Token bei steigender Inflation zu einem digitalen Äquivalent von Gold machen. In der Praxis hat sich diese Theorie oft als unzureichend erwiesen. Und diese praktische Realität gewinnt nun wieder an Bedeutung.

Die Präsidentin der Federal Reserve Bank von Cleveland, Beth Hammack, warnte am Dienstag (2.6.) vor steigenden Inflationsrisiken. Sie erklärte, die Geldpolitik müsse möglicherweise bald handeln, sollten die jüngsten Anzeichen für Preisdruck anhalten. Ihre Äußerungen verstärkten die Befürchtung, dass der Kampf der Federal Reserve gegen die Inflation noch nicht vorbei sein könnte.

"Wenn Sie Bitcoin in Ihr Portfolio aufnehmen, weil Sie ihn als kurzfristigen Inflationsschutz betrachten, sollten Sie Ihre Strategie meiner Meinung nach überdenken", sagte Cam Harvey, Forschungsdirektor bei Research Affiliates und Finanzprofessor an der Fuqua School of Business der Duke University. "Der Grad an Zufälligkeit ist sehr hoch, was potenziell zu Enttäuschungen führen kann."

Bitcoin hinkt Aktienmärkten hinterher
US-Verbraucher sehen sich zunehmendem Kostendruck ausgesetzt, wobei steigende Öl- und Gaspreise ihre Haushaltsbudgets zusätzlich belasten. Ein Index der persönlichen Konsumausgaben stieg im vergangenen Monat um 3,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr und damit so stark wie seit 2023 nicht mehr. Bereinigt um die volatilen Komponenten Nahrungsmittel und Energie stieg der Wert um 3,3 Prozent.

In den vergangenen Wochen gelang es Bitcoin nicht einmal, mit einer breiteren Rally bei Risikoanlagen Schritt zu halten. Während Aktien im vergangenen Monat eine Reihe von Rekordständen erreichten, verlor Bitcoin deutlich und notierte zuletzt bei etwa 64.000 Dollar. Damit liegt der Kurs weit unter seinem im Oktober erreichten Allzeithoch von 126.000 Dollar.

"Ich glaube, Bitcoin hat den Faden verloren"
Dass Bitcoin sich in einem Umfeld stark steigender Preise nicht behaupten konnte, hat den Unmut des Milliardärs Mark Cuban auf sich gezogen. Er sorgte zuletzt für Schlagzeilen, als er sagte, er habe den Großteil seiner Bestände verkauft, weil der Token nicht als Wertspeicher funktioniert habe.

"Das mag einige Leute verärgern: Ich glaube, Bitcoin hat den Faden verloren", sagte Cuban kürzlich in einem Podcast. Er erklärte, er habe erwartet, dass der Token nach Ausbruch des Iran-Kriegs steigen werde. "Bitcoin ist nicht die Absicherung, die ich mir erhofft hatte – und das war wirklich enttäuschend."

Liquidationen erreichen 1,5 Milliarden Dollar
Die Enttäuschung scheint sich auszuweiten. Stand Dienstagabend (2.6.) erreichten Liquidationen bei digitalen Vermögenswerten in den vorangegangenen 24 Stunden laut Coinglass rund 1,5 Milliarden Dollar, angeführt von Bitcoin. Der Kryptomarkt hat ein solches Ausmaß an Liquidationen seit Anfang Februar nicht mehr erlebt, als die Preise auf Jahrestiefstände fielen.

Kryptokritiker verweisen derweil darauf, dass Varianten von Bitcoin – die zahlreichen ETFs rund um den Token sowie Derivate und Derivate auf Derivate – dem Argument eines begrenzten Angebots widersprechen. Es mögen jemals nur 21 Millionen Coins geschürft werden. Doch es wird verschiedene Kontrakte und Ableger rund um Bitcoin geben, die ständig gehandelt werden können.

"War es jemals ein Inflationsschutz?", fragte Steve Sosnick, Chefstratege bei Interactive Brokers. "Ohne einen überzeugenden Anwendungsfall für Bitcoin jenseits von Spekulation und/oder Wertspeicherung – zumindest noch nicht – ist das relativ feste Angebot viel attraktiver, wenn die Nachfrage steigt, nicht wenn sie stagniert oder sinkt." (mb/Bloomberg)