Deutschland stehe wirtschaftlich "dramatisch schlecht" da – und die Politik habe die Tragweite dieser Entwicklung lange unterschätzt. Mit dieser Diagnose sorgt der ehemalige Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn im Gespräch mit "T-Online" erneut für Aufmerksamkeit. Die zentrale Botschaft des renommierten Ökonomen: Die deutsche Wirtschaft brauche einen klaren Kurswechsel, insbesondere in der Klima- und Energiepolitik. "Das geht so nicht mehr lange gut", warnt Sinn und spricht von einem seit sieben Jahren anhaltenden Trendbruch in der Industrieproduktion.

Die deutsche Industrie sei längst nicht mehr nur von zyklischen Schwankungen betroffen, sondern strukturell geschwächt. Viele hätten geglaubt, der Rückgang werde sich rasch korrigieren. "Das war ein Irrtum", so Sinn. Deutschland habe den Übergang in eine Phase der Deindustrialisierung zu spät erkannt.

"Abschreckendes Beispiel"
Vor allem die Energiepolitik verschärfe die ohnehin schwierige Lage. Mit dem Wegfall russischer Energie und deutlich höheren Stromkosten sei der Industriestandort verwundbarer denn je. "Die Klimapolitik und die Sanktionspolitik gegenüber Russland, die uns billiger Bodenschätze beraubt, führen zur Deindustrialisierung", erklärt der Ökonom.

Besonders kritisch sieht Sinn die europäische Klimastrategie. Der einseitige Verzicht Europas auf fossile Brennstoffe sei ökonomisch schädlich und klimapolitisch wirkungslos. Die nicht mehr nachgefragten Brennstoffe würden schlicht an andere Länder verkauft und dort verbrannt. "Europa und speziell Deutschland sind wegen ihrer ruinösen Klimapolitik zum abschreckenden Beispiel geworden", so Sinn gegenüber "T-Online".

Deutschland ist "herzkrank geworden"
Im Verkehrssektor bedrohten aus seiner Sicht insbesondere die EU-Flottenregeln und das Verbrennerverbot die industrielle Basis des Landes. Die bestehenden Grenzwerte könnten technisch nicht erreicht werden, warnt Sinn. "Ingenieurtechnisch ist es unmöglich", bis 2030 die geforderten Verbrauchswerte einzuhalten.

Elektroautos würden politisch zwar als emissionsfrei gerechnet, faktisch aber überall außer in Frankreich mit Kohlestrom betrieben. Der Ökonom spricht von einer "Schummelei". Deutschland sei dadurch "herzkrank geworden" – und brauche eine "Operation am offenen Herzen", um die industrielle Substanz zu erhalten.

"Der Schluck aus der Schuldenpulle ist zu groß"
Das Ziel Deutschlands, bis 2045 klimaneutral zu werden, bezeichnet Sinn als unrealistisch. Eine solche "Utopie" gefährde das verarbeitende Gewerbe, das rund 20 Prozent der Wirtschaftsleistung stelle und entscheidend für die Lohnentwicklung anderer Sektoren sei.

Sinn kritisiert ebenfalls die wachsende Staatsverschuldung. Die neuen, nach Grundgesetzänderung geplanten Kreditspielräume seien riskant und lenkten Mittel falsch. "Der Schluck aus der Schuldenpulle ist zu groß", warnt er. Zu viel Geld fließe in Sozialtransfers, zu wenig in Infrastruktur und Investitionen.

"Finanziell pfeifen die USA auf dem letzten Loch"
Besonders ausführlich äußert sich Sinn zur wirtschaftlichen Lage der USA, die er als zunehmend instabil beschreibt. Die Vereinigten Staaten hätten in den vergangenen Jahrzehnten eine "gewaltige Schuldenorgie" gefeiert. Staat, Haushalte und Unternehmen zusammen verfügten über eine Nettoauslandsschuld von 91 Prozent des Bruttoinlandsprodukts – ein weltweiter Rekordwert. "Das halten die USA niemals durch, obwohl Trump nun überall auf der Welt Geld einsammelt", warnt Sinn.

Diese extreme Verschuldung sei die treibende Kraft hinter vielen politischen Entscheidungen Washingtons. Sinn zufolge erklärt sie sowohl die aggressive Zollpolitik als auch die außenpolitischen Forderungen der USA. Trump versuche, sich "überall auf der Welt Geld zu beschaffen", weil das Land finanziell am Anschlag sei. Der Ökonom verweist auf das Prinzip, dass Waffenlieferungen an die Ukraine doppelt bezahlt würden: "Zum einen von den nördlichen Ländern Europas, allen voran Deutschland, und zum anderen von der Ukraine, die dafür die Hälfte ihrer Bodenschätze abtreten muss. Finanziell pfeifen die USA auf dem letzten Loch."

Eine weitere Gefahr sieht Sinn in Trumps Druck auf die US-Notenbank. Zwinge ein Präsident die Federal Reserve zu Zinssenkungen, könne dies die globale Schuldenblase weiter aufpumpen – mit potenziell verheerenden Folgen. Eine neue Krise wie eine Pandemie würde das System laut Sinn "in eine Kernschmelze" treiben.

Forderung nach Gründung eines "Europäischen Bundes"
Am Schluss des Gesprächs mit "T-Online" richtet Sinn, dessen Buch "Trump, Putin und die Vereinigten Staaten von Europa" kürzlich erschienen ist, den Blick nach Europa. Er hält es für möglich, dass Russland nach einem Erfolg in der Ukraine auch baltische Staaten bedrohen könnte. Europa sei hierfür unzureichend gerüstet. Da die EU in Verteidigungsfragen strukturell handlungsunfähig sei, fordert Sinn die Gründung eines "Europäischen Bundes", der die Streitkräfte williger Staaten unter ein gemeinsames Kommando stellt. Nur ein solcher Verbund könne Europa wirksam schützen und eine glaubwürdige Abschreckung gegenüber Russland herstellen. (mb)