Händler haben erstmals die Möglichkeit einer Zinserhöhung durch die Europäische Zentralbank im kommenden Jahr eingepreist, nachdem Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel gegenüber der Nachrichtenagentur "Bloomberg" signalisiert hat, dass sie Wetten auf steigende Finanzierungskosten gelassen sieht.

Marktreaktionen an Geldmarkt und Anleihemärkten
Am Geldmarkt wurde am Montag (8.12.) eine Wahrscheinlichkeit von 25 Prozent für eine Anhebung um einen Viertelpunkt bis Dezember 2026 eingepreist — die aggressivste Wette auf eine Erhöhung seit Beginn der geldpolitischen Lockerung im vergangenen Jahr. Gleichzeitig stiegen die Renditen zehnjähriger deutscher Bundesanleihen um fünf Basispunkte auf 2,85 Prozent, den höchsten Stand seit März.

Die Renditen länger laufender Schuldtitel notieren bereits auf dem höchsten Niveau seit 2011. Anleiherenditen in den USA und Großbritannien bewegen sich dagegen näher an ihren bisherigen Jahrestiefs und damit deutlich unter den Höchstständen des Jahres.

Hinweise auf Ende des Lockerungszyklus
Schnabels Kommentare waren die ersten, die mit einiger Sicherheit darauf hindeuteten, dass die europäischen Zinsen nach zwei Prozentpunkten Senkung ihren Tiefpunkt erreicht haben. An den Geldmärkten verfestigte sich die Ansicht, dass der Lockerungszyklus der EZB beendet sei: Händler sehen nun eine Wahrscheinlichkeit von weniger als zehn Prozent für eine Zinssenkung um einen Viertelpunkt bis Mitte des kommenden Jahres. Vor einem Monat lag dieser Wert noch bei 40 Prozent.

"Bund-Renditen erreichen wichtige Niveaus, verstärkt durch Schnabels Kommentare am Morgen", schrieb Commerzbank-Stratege Hauke Siemssen in einer Mitteilung an Kunden.

Erwartung steigender Renditen
Aviva Investors rechnet damit, dass in der zweiten Jahreshälfte des kommenden Jahres Druck zu Zinserhöhungen aufkommen wird. "Wir sind bei den zehnjährigen Papieren 'outright short' positioniert", sagte Steve Ryder, Senior Portfolio Manager bei dem Unternehmen, und fügte hinzu, dass die Renditen deutscher Benchmark-Anleihen im ersten Quartal drei Prozent erreichen könnten. "Der nächste Schritt wird eine Straffung sein."

Politische Risiken belasten Bunds
Bundesanleihen haben sich im Vergleich zu anderen Staatspapieren überwiegend schwächer entwickelt, seit der historische Plan der Regierung, Hunderte Milliarden Euro für Verteidigung und Infrastruktur freizugeben, im März den stärksten Einbruch am Anleihemarkt seit 35 Jahren ausgelöst hatte. Während sich die Bewegungen in den Monaten danach etwas beruhigten, flammten die Sorgen kürzlich wieder auf, nachdem der Bundestag den Haushalt der Regierung für 2026 gebilligt hatte, der eine Netto-Neuverschuldung des Bundes von 98 Milliarden Euro vorsieht.

Zudem hat die Regierung in der vergangenen Woche ein umstrittenes Rentengesetz beschlossen, das voraussichtlich die Ausgaben und das Haushaltsdefizit weiter erhöhen wird.

Strategen erwarten höhere Renditen
"Das Ausmaß der erwarteten Ausweitung des konjunkturbereinigten Haushaltsdefizits in Deutschland stimmt uns zuversichtlich, dass die Bundesanleiherenditen in den kommenden Quartalen auf drei Prozent und darüber hinaus steigen werden", schrieb George Cole, European Markets Strategist bei Goldman Sachs, in einer vor der Abstimmung veröffentlichten Mitteilung an Kunden. (mb/Bloomberg)