Der Kursrückgang an den globalen Börsen in der vergangenen Woche unterstreicht den Wandel einer bislang von Unerschütterlichkeit geprägten Rally hin zu einer sensibleren Positionierung und einer zunehmenden Risikowahrnehmung. In der Spitze verlor der S&P 500 Index rund zwei Prozent, während der Nasdaq 100 um drei Prozent abrutschte. Der europäische Stoxx 600 verbuchte mit 1,6 Prozent den größten zwischenzeitlichen Wochenverlust seit Ende August. Obwohl es keinen singulären Auslöser gab, verwiesen Händler auf eine Kombination aus Gewinnmitnahmen sowie allgemeiner Risikoreduktion und -rotation.

Wachsende Skepsis und technische Warnsignale
Die Sorge, dass die Wertentwicklung zunehmend von wenigen Aktien getragen wird, ist nicht neu – wird jedoch lauter. Eingebettet sind diese Bedenken in Kommentare der US-Zentralbank, wonach eine Zinssenkung im Dezember keinesfalls als sicher gilt. Technische Indikatoren dämpfen die Kauflaune nahe der Höchststände, und Warnungen diverser Wall-Street-Chefs vor überzogenen Bewertungen sorgen zusätzlich für Aufhorchen.

"Es gibt einfach viele Dinge auf diesem Markt, die schon seit geraumer Zeit nicht zusammenpassen", sagte Goldman-Sachs-Partner Rich Privorotsky. "Eine Korrektur ist längst überfällig, die Frage ist nur, wie groß sie ausfallen wird."

KI-Euphorie verliert an Strahlkraft
Aktien des Börsenlieblings Palantir Technologies fielen vorige Woche um 13 Prozent. Selbst nach Anhebung der Prognosen konnten die positiven KI-Aussichten die Befürchtung nicht zerstreuen, dass die Rally inzwischen überzogen ist. Zudem gab Hedgefonds-Manager Michael Burry bekannt, dass er bearishe Wetten auf Palantir und Nvidia platziert habe.

Die Euphorie um künstliche Intelligenz bröckelt: Immer öfter wird gefragt, wo und wie die enormen Mittel bereitgestellt werden sollen, um die ambitionierten Ziele zu finanzieren. OpenAI hat sich verpflichtet, mehr als 1,4 Billionen US-Dollar in KI-Infrastruktur zu investieren – obwohl das Unternehmen weiterhin unprofitabel ist. Anmerkungen zu möglichen staatlichen Garantien, auch wenn rasch dementiert, sorgten für Skepsis. Ebenso die dünnhäutige Reaktion von Sam Altman auf eine Investorenfrage zu den Investitionssummen. Dass US-KI-Großkonzerne zunehmend den Anleihenmarkt zur Finanzierung anzapfen, verstärkt die Debatte zusätzlich.

"Der Markt war auf Perfektion ausgelegt"
Über die KI-Diskussion hinaus ist erkennbar, dass die Kursgewinne der letzten sechs Monate die Bewertungen auf ein euphorisches, möglicherweise übertriebenes Niveau gehoben haben. Der S&P 500 wird mit etwa dem 23-Fachen der erwarteten Gewinne gehandelt und liegt damit über seinem Fünfjahresdurchschnitt von 20. Ähnlich der Nasdaq 100, dessen Kurs-Gewinn-Verhältnis bei 28 liegt – gegenüber einem Tief von rund 19 im Jahr 2022.

"Der Markt war auf Perfektion ausgelegt", sagte Alexandre Baradez, Analyst bei IG in Paris. "Das erklärt, warum die aktuellen Fragen zu Zinssenkungen, Liquidität und Bewertungen so große Auswirkungen haben. Wenn Perfektion bereits eingepreist ist, können selbst gute Ergebnisse wie die von Palantir den Aktienkurs nicht weiter steigen lassen."

Überkaufte Märkte und globale Effekte
Die Kursentwicklung des S&P 500 seit April hat zu einer deutlichen Entkopplung vom gleitenden Durchschnitt geführt. Die Differenz zum 200-Tage-Durchschnitt vergrößerte sich im Oktober auf 13 Prozent – ein Niveau, das sich in den letzten 15 Jahren meist als nicht nachhaltig erwiesen hat. Zudem notiert der Index derzeit so lange über seinem 50-Tage-Durchschnitt wie zuletzt vor 14 Jahren. Diese überkauften Signale bedeuten zwar nicht zwingend eine bevorstehende Korrektur, zeigen aber, wie weit der Aufwärtstrend fortgeschritten ist.

Andere Börsenplätze werden sich einer möglichen US-Korrektur kaum entziehen können. Dennoch machen günstigere Bewertungen eine weitere Rotation wahrscheinlich. Seit der Wahl von US-Präsident Donald Trump investieren Anleger verstärkt in globale Aktien – zunächst als Schutz vor US-Volatilität, später auf der Suche nach günstigeren Alternativen zum S&P 500. Die Schwäche des US-Dollar hat internationale Renditen in Dollar zusätzlich begünstigt.

Europa überrascht positiv
Die Lage in Europa hat sich besser entwickelt als erwartet. Wirtschaftsindikatoren zeigen nach oben, die Inflation ist unter Kontrolle und die Europäische Zentralbank hat die Zinssätze bereits auf zwei Prozent gesenkt – deutlich weniger als in den USA.

Zudem erhöhen die EU und insbesondere Deutschland ihre Verteidigungs- und Infrastrukturausgaben für das nächste Jahrzehnt. Die positiven Effekte werden voraussichtlich noch in diesem Jahr sichtbar. Davon profitieren besonders Aktien aus den Bereichen Finanzen, Rüstung und Energiewende.

Fallhöhe steigt
Gleichzeitig ist die Fallhöhe gestiegen. Von den 92 von "Bloomberg" erfassten globalen Aktienindizes lagen zuletzt mehr als ein Drittel nur ein Prozent unter ihren Rekordständen – der höchste Wert seit der Finanzkrise, als dieser bei rund 40 Prozent lag.

Der S&P 500 hat in diesem Jahr bereits 36 Rekorde erreicht, zuletzt am 28. Oktober. Doch die Marktbreite bleibt gering: Nur sechs Aktien machten seit Jahresbeginn etwa die Hälfte der Indexgewinne aus. In zwei Handelssitzungen Ende Oktober zeigte sich das deutlich – trotz stabiler Kurse verzeichnete der Advance-Decline-Index die schwächsten Werte seit 25 Jahren.

Investoren verlangen höhere Risikoaufschläge
Vor diesem Hintergrund überrascht es kaum, dass der sonst dominante "Buy the Dip"-Effekt zuletzt schwächer ausfiel. Anleger verlangen derzeit größere Kursabschläge, um das Chance-Risiko-Verhältnis wieder ins Gleichgewicht zu bringen.

"Ich wäre nicht überrascht, wenn es gegen Ende des Jahres zu einer Korrektur käme", sagte Xin-Yao Ng, Fondsmanager bei Aberdeen Investments. "Der Markt war sehr dynamisch, viele Fonds dürften ihre Renditen vor Jahresende sichern wollen. Das Risiko nimmt definitiv zu." (mb/Bloomberg)