Antizyklisch agierende Investoren finden beim Goldpreis derzeit fast schon ein Traumszenario vor: Die Preise sind niedrig, die Marktstimmung ist getrübt und viele Spekulanten wetten auf fallende Kurse. Zu dieser Schlussfolgerung kommt LBBW-Investmentanalyst Frank Schallenberger in einer aktuellen Einschätzung zur Goldpreisentwicklung.

Zuletzt fiel der Goldpreis auf etwa 1.200 US-Dollar und damit auf den tiefsten Stand seit März 2017. Der Hauptgrund für den Abschwung dürfte laut Schallenberger in der jüngsten Stärke der amerikanischen Währung zu suchen sein. Der Dollar hatte von Mitte April 2018 gegenüber dem Euro in der Spitze von 1,24 auf 1,15 EUR/USD aufgewertet. Darüber hinaus trübte der anhaltende Trend zu steigenden Zinsen in den USA die Stimmung der Goldinvestoren.

ETFs und Spekulanten verkaufen
Neben dem wieder festeren Dollar und den steigenden US-Zinsen gab es zuletzt vor allem zwei weitere Faktoren, die den Preis für das gelbe Metall belasteten, schreibt Schallenberger. So reduzierten sich die Bestände der Gold-ETFs von Mitte Mai bis Anfang August um rund 90 Tonnen.

Zudem haben die Spekulanten im laufenden Jahr ihre Futures-Positionen auf steigende Goldpreise stark abgebaut. Die spekulative Netto-Long-Position (Summe der Long-Positionen abzüglich Summe der Short-Positionen) lag Mitte Januar noch bei knapp 210.000 Kontrakten mit einem Volumen von rund 28 Milliarden Dollar. Bis Ende Juli wurde daraus eine Netto-Short-Position mit einem Umfang von 42.500 Kontrakten mit einem Volumen von gut fünf Milliarden Dollar.

Zum ersten Mal seit Anfang 2016 liegt die Nettoposition damit wieder im negativen Bereich. Die Brutto-Short-Position erreichte mit 153.000 Kontrakten zuletzt sogar einen neues Allzeithoch. Die Spekulanten setzen damit aktuell mit einem Volumen von über 18 Milliarden Dollar auf weiter fallende Goldnotierungen.

Argumente für Gold-Bullen
Die möglichen Faktoren für einen Preisanstieg beim Edelmetall seien laut Schallenberger zuletzt am Markt ausgeblendet worden. So entwickelte sich das Goldangebot auch im ersten Halbjahr nur wenig dynamisch. Die Minen-Produktion nahm gegenüber dem Vorjahr nur um 1,4 Prozent auf 1.574 Tonnen zu.

Auf der Abnehmerseite blieb die Schmucknachfrage im ersten Halbjahr mit knapp 950 Tonnen fast drei Prozent unter dem Wert des Vorjahres. Dies dürfte auch auf die schwache Währungsentwicklung in vielen Schmuckherstellerländern wie Indien oder der Türkei zurückzuführen sein. Die Nachfrage nach Münzen und Barren legte im ersten Halbjahr 2018 gegenüber dem Vorjahr um 3,4 Prozent auf 510 Tonnen jedoch ebenso zu wie die Nachfrage der Notenbanken, die um zwölf Prozent auf 176 Tonnen stieg.

Ausblick gibt Contrarians Hoffnung
Obwohl mit weiter steigenden Zinsen in den USA zu rechnen ist, machen Schallenbergers Einschätzung nach nicht zuletzt die weiterhin sehr niedrigen bzw. negativen Realrenditen in den wichtigsten Währungsräumen eine Erholung beim Goldpreis wahrscheinlich. "Wir nehmen unsere Prognosen aufgrund der deutlich schwächer als erwartet ausgefallenen Nachfrage durch die ETFs zwar etwas zurück. Auf Sicht von einem Jahr erwarten wir aber dennoch einen Anstieg des Preises für die Feinunze bis auf 1.350 Dollar. Zudem sollten Investoren im Hinterkopf behalten, dass extreme Positionierungen der Spekulanten oft auf einen Trendwechsel beim Goldpreis hindeuten", prognostiziert Schallenberger abschließend. (aa)