Zehn Jahre nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers sind kaum ernsthafte Korrekturen am Finanzsystem zu erkennen, sagt Georg Graf von Wallwitz, Chef der Vermögensverwaltung Eyb & Wallwitz und Manager der Phaidros-Fonds. Noch immer ist die Einkommens- und Vermögensverteilung insbesondere in den angelsächsischen Ländern extrem ungleich. Die Tendenz zur Monopolbildung in der Wirtschaft hat sogar zugenommen. "Die Wirtschaft gleicht heute einer Rentenökonomie, in der Grundbesitzer, Patentbesitzer, Monopolisten und Schuldenmacher sehr gut leben, ohne Fantasie oder Schweiß in nennenswertem Ausmaß aufwenden zu müssen", sagt der Vermögensprofi.

Geändert hat sich vor allem die Einstellung gegenüber den Eliten. Wallwitz nennt sie die "Technokraten", die das gegenwärtige Finanz- und Wirtschaftssystem gestalten und in den Zentralbanken, Ministerien und Aufsichtsbehörden sitzen. Ihnen bringen die Menschen immer weniger Vertrauen entgegen – mit verheerenden Konsequenzen. "Technokraten neigen zwar manchmal dazu, sich in Details zu verlieren, sind aber dennoch in einer modernen Wirtschaftsordnung unabdingbar", sagt Wallwitz. Der Schaden, der durch den Ansehensverlust der Technokraten entsteht, ist für ihn größer als derjenige, der von einer Finanzkrise verursacht wird. Denn wo das Vertrauen in Experten erst einmal erschüttert ist, sind Willkür und dem Glauben an einfache Lösungen keine Grenzen mehr gesetzt.

Populismus auf dem Vormarsch
Wo Experten nicht mehr gehört werden, entsteht ein Biotop für Unvernunft. Für Wallwitz ist die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten eine direkte Folge dieses Vertrauensverlusts, ebenso wie der zunehmende Nationalismus in Europa. "Wenn Technokraten falsch liegen, entsteht eine besondere Verbitterung, denn die Menschen führen ihre Probleme dann nicht auf ein ökonomisches Gesetz zurück, sondern auf die überflüssige Kopfgeburt eines zweitklassigen Theoretikers", so Wallwitz. Die Gegenreaktion lässt nicht lange auf sich warten: Populismus, Nationalismus, emotionsgeladene Politik. Für Investoren bedeutet diese Entwicklung, dass sie ihr Geld so anlegen müssen, dass es auch in einer zwischen Verknöcherung und Populismus oszillierenden Welt gut aufgehoben ist. (fp)