"Seit Jahrhunderten versuchen Mathematiker, Ökonomen und Anleger, Ordnung in das Chaos der Welt zu bringen", blickt Georg von Wallwitz, Gründer und geschäftsführender Gesellschafter von Eyb & Wallwitz in München, zurück in die Geschichte. Schon Blaise Pascal und Pierre de Fermat hätten im 17. Jahrhundert nach den Regeln des Zufalls gesucht – und damit den Grundstein für die Wahrscheinlichkeitsrechnung gelegt.

"Doch so sehr sich die Wissenschaft seither verfeinert hat, eines bleibt", so von Wallwitz: "Der Mensch sehnt sich nach Berechenbarkeit, besonders dort, wo sie am seltensten zu finden ist – an den Finanzmärkten." In der Theorie komplexer Systeme gebe es ein anschauliches Bild: den Sandhaufen. "Fällt Korn um Korn auf einen Haufen, geschieht lange nichts", so der Vermögensverwalter, "bis plötzlich ein einzelnes, unscheinbares Sandkorn eine Lawine auslöst".

Ökonomische Vorhersagen – eine Illusion
Niemand könne sagen, wann das geschehe oder wie groß die Lawine sein werde. Weil die Prozesse keinem erkennbaren Muster folgen, sondern einem sogenannten "Potenzgesetz" unterliegen, das sich jeder klassischen Statistik entziehe. "So ähnlich verhalten sich auch Märkte und Volkswirtschaften. Kleine Veränderungen – eine Zollerhöhung, ein politisches Statement, ein technischer Durchbruch – können gewaltige Bewegungen auslösen", so von Wallwitz, "während große Eingriffe manchmal kaum Wirkung zeigen".

Diese Nichtlinearität, verstärkt durch Rückkopplungen und menschliche Emotionen, mache Prognosen nahezu unmöglich, ist von Wallwitz überzeugt. Viele Marktbeobachter würden trotzdem versuchen, den nächsten Crash oder Aufschwung vorherzusagen. Doch die Geschichte lehre: Crash-Propheten liegen zwar gelegentlich richtig, verlieren aber in den Jahren dazwischen meist Geld. Und ewige Optimisten würden übersehen, dass selbst flache Flüsse tiefe Stellen haben – wer blindlings hindurchlaufe, könne leicht untergehen.

Die richtigen Fragen stellen
"Deshalb gehe es an den Märkten nicht darum, das Morgen zu erraten, sondern die Gegenwart richtig zu verstehen", erklärt von Wallwitz und nennt die entscheidenden Fragen, die es zu stellen gelte: Wie steht die Wirtschaft tatsächlich da? Wie sind die Märkte bewertet? Welche Geschäftsmodelle sind langfristig erfolgreich? Und wie ist die Stimmung unter Anlegern?

Angesichts einer nur verhaltenen Konjunkturentwicklung bei einer gleichzeitig inzwischen erreichten hohen Bewertung an den Märkten erscheint die durchaus positive Marktstimmung Georg von Wallwitz schon fast zu positiv. "Die Cash-Quoten vieler Anleger sind niedrig, die Risikoprämien für Unternehmensanleihen gering", so der Experte. "Gleichzeitig erleben Kryptowährungen und sogenannte 'Meme-Aktien' ein Comeback, getrieben von einer neuen Generation von Investoren, die seit über 15 Jahren keinen echten Bärenmarkt mehr erlebt hat."

Noch hält der Sandhaufen
An den Märkten herrsche die Devise: "Buy the dip" – jeden Rücksetzer kaufen. Die Angst, etwas zu verpassen ("Fear Of Missing Out", FOMO), sei größer als die Furcht vor Verlusten. "Solche kollektiven Stimmungen verleihen Märkten kurzfristig Stabilität, bergen aber langfristig Risiken, wenn sie sich in Selbstzufriedenheit verwandeln", so von Wallwitz, der wieder bei seinem Sandhaufen angekommen ist. Die Körner würden weiter fallen, und noch halte der Haufen. Doch seine Neigung nehme zu.

Niemand wisse, welches Korn das System kippen lasse – eine neue Zollrunde, eine enttäuschende Gewinnsaison, geopolitische Spannungen oder schlicht eine Verschiebung der Anlegerpsychologie. Damit seien die Bedingungen für eine Korrektur durchaus vorhanden, auch wenn diese nicht zwingend eintreten müsse. "Wer investiert, sollte daher wachsam, aber nicht ängstlich sein", rät von Wallwitz, "Liquidität halten, Qualität bevorzugen, Bewertungen im Blick behalten". Denn an der Börse gelte am Ende: Vorhersagen sind Illusionen – Anpassungsfähigkeit ist die wahre Tugend. (hh)