Christine Lagarde befeuert mit Äußerungen über ihre Zukunft weiterhin Spekulationen über einen vorzeitigen Abschied von der Europäischen Zentralbank (EZB). Die Mehrheit der von "Bloomberg" befragten Ökonomen rechnet jedoch damit, dass sie ihre achtjährige Amtszeit bis Oktober 2027 regulär beenden wird.

Rund zwei Drittel der Umfrageteilnehmer erwarten ein reguläres Amtsende. Dennoch halten sich Gerüchte über einen früheren Rückzug. Diese kamen bereits im vergangenen Jahr auf, als Lagarde als mögliche Nachfolgerin an der Spitze des Weltwirtschaftsforums (WEF) gehandelt wurde. Im Februar wurden sie durch Berichte über einen möglichen vorzeitigen Abschied erneut angeheizt.

Seitdem hat Lagarde mehrfach angedeutet, sich nach ihrer Zeit bei der EZB in die französische Politik einbringen zu wollen – "in welcher Funktion ich am wirkungsvollsten sein werde". Knapp 30 Prozent der befragten Ökonomen rechnen dennoch mit einer vollständigen Rückkehr in die Politik, obwohl Lagarde dies selbst ausgeschlossen hat.

Etwa ein Viertel der Befragten erwartet, dass sie die EZB bereits bis Januar verlassen könnte. Damit hätte Frankreichs scheidender Präsident Emmanuel Macron noch Einfluss auf die Ernennung ihrer Nachfolge. Luca Mezzomo von Intesa Sanpaolo bezeichnete einen solchen Schritt als "nachvollziehbar", falls die Regierungen den nächsten EZB-Präsidenten noch vor der französischen Präsidentschaftswahl bestimmen wollten.

Lagarde-Nachfolge: Spanier liegt bei Ökonomen vorn
29 Prozent der Ökonomen rechnen damit, dass Lagardes Nachfolger oder Nachfolgerin bereits bis Dezember feststeht. 61 Prozent erwarten, dass diese Entscheidung gemeinsam mit den Nachbesetzungen für Chefvolkswirt Philip Lane und Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel getroffen wird.

Als Favorit gilt laut Umfrage Pablo Hernández de Cos, der frühere Chef der spanischen Notenbank und heutige Generaldirektor der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ). Als weiterer ernsthafter Kandidat wird der ehemalige Präsident der niederländischen Zentralbank, Klaas Knot, genannt. Mehrere Ökonomen weisen jedoch darauf hin, dass am Ende auch eine Überraschung möglich sei – ähnlich wie bei Lagardes eigener Ernennung im Jahr 2019.

Inflation bleibt entscheidend
Ob Lagarde ihre Amtszeit tatsächlich vorzeitig beendet, dürfte auch von der Inflationsentwicklung abhängen. Im vergangenen Jahr hatte sie trotz entsprechender Gerüchte erklärt, sie sei "fest entschlossen, meine Mission zu erfüllen". Nachdem sich die Inflation Anfang des Jahres abgeschwächt hatte, sagte sie später gegenüber "AFP", sie habe damals "mit einer gewissen Zuversicht sagen können, dass die Mission erfüllt war" und deshalb auch an einen etwas früheren Ruhestand gedacht.

Mit dem jüngsten Anstieg der Lebenshaltungskosten könnte sich dieses Zeitfenster jedoch wieder geschlossen haben. Auch Bundeskanzler Friedrich Merz sieht derzeit keinen Anlass für eine rasche Nachfolgeregelung. Lagarde sei bis Oktober 2027 gewählt und leiste "einen wirklich hervorragenden Job". Über eine Nachfolge werde man erst entscheiden, wenn die Zeit dafür gekommen sei. (mb/Bloomberg)