Der behördlich verordnete Stillstand treibt manch' seltsame Blüte. Endlich hatten viele Verbraucher Zeit, Aufgeschobenes in Ruhe nachzuholen. Dazu zählte offenbar nicht nur die alljährlich anstehende Pflichtübung namens "Steuererklärung", sondern auch, sich mit ebenso lästigen Themen wie Geldanlage und Vermögensaufbau ausgiebig zu beschäftigen.

Mysteriöse Kursbewegungen und auffällige Rotationen bei einzelnen Aktien und Sektoren deuten darauf hin: "Bei der Analyse dieser außerordentlichen Bewegungen stießen wir auf die ungewöhnliche Wiederkehr der Kleinanleger", sagt Mark Hawtin, Investment Director für Technologieaktien bei GAM Investments. "Während des Lockdowns hielten viele Menschen nach Aktivitäten Ausschau, die sie zu Hause ausüben konnten." Und was würde sich besser eignen, um sich seine Dopamin-Dosis zu holen, als an den Märkten mitzuspielen, folgert Hawtin.
 
Er untermauert seine These mit den zahlreichen Depot-Neueröffnungen und gestiegenen Handelsvolumina in den vergangenen Wochen: Die Anzahl der Transaktionen schoss Hawtin zufolge von einem stabilen Niveau von zwei Millionen pro Tag in den vergangenen vier Jahren um mehr als das Dreifache auf beachtliche sieben Millionen in die Höhe. Zudem hätten die großen Online-Plattformen in den USA einen sprunghaften Anstieg bei den Depoteröffnungen verzeichnet.

Neue Mitspieler, neue Lieblinge
Am meisten haben Hawtin die Daten der Trading-Plattform Robinhood überrascht: Ende 2019 hatte Robinhood zehn Millionen aktive Depots. Im ersten Quartal 2020 verzeichnete die Plattform eine Zunahme der Depoteröffnungen um 30 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Das Durchschnittsalter der Kunden liege bei 31 Jahren.

"Das ist ein wichtiger Indikator, da er verdeutlicht, dass eine neue Gesellschaftsschicht ins Spiel kommt, die den Aktienmarkt bislang gemieden hatte", sagt Hawtin. "Und diese neuen Mitspieler investieren und agieren auf vollkommen unkonventionelle Weise. Sie werden von der verstärkten Wirkung der sozialen Medien geleitet und sind nicht mehr darauf angewiesen, welche Kommentare 'Schlipsträger' auf CNBC zu Bewertungen äußern."

Ausgebombte Pleite-Aktien als Online-Poker-Ersatz?
Und das hat spürbare Folgen – allerdings nicht durch die Bank wünschenswerte. Denn nicht wenige "Aktien-Amateure" haben es wohl eher auf den schnellen Euro abgesehen.

Die neue Anlegergruppe ist Hawtins Analyse zufolge vom Kauf von Lockdown-Gewinnern während des Marktabschwungs auf vermeintliche Erholungschancen unbeliebter Titel wie beispielsweise angeschlagene Fluggesellschaften oder regelrechte Konkursanwärter wie Hertz oder Chesapeake Energy umgeschwenkt. "Arbeitslosigkeit, Handelskonflikte, soziale Unruhen, das Covid-Risiko und die bevorstehenden US-Wahlen verdienen offenbar keinen Abschlag", sagt Hawtin. Als der Autovermieter Hertz beispielsweise Ende Mai Konkurs anmeldete und Großinvestor Carl Icahn seine langjährige Beteiligung am Unternehmen zu 72 Cent pro Aktie verschleuderte, habe sich die Daytrading-Herde begierig auf die Aktie gestürzt, die dadurch innerhalb weniger Tage auf mehr als sechs US-Dollar kletterte – bevor sie allerdings wieder auf drei US-Dollar zurückfiel. (fp/ps)