Die Lage auf dem chinesischen Immobilienmarkt wird immer angespannter. Nach Evergrande ist ein weiterer Immobilienentwickler in Schieflage geraten: Wie unter anderem "Spiegel Online" berichtet, hat das Unternehmen Fantasia Holdings eine Frist zur Zahlung von 205,7 Millionen US-Dollar versäumt. Die Ratingagentur S&P hat außerdem das Rating der Immobilienfirma Sinic wegen ernster Liquiditätsprobleme herabgestuft. Fantasia und Sinic sind zwar deutlich kleiner als Evergrande. Ihre Probleme befeuern aber die Angst vor einem Dominoeffekt, der zu einem Crash auf dem chinesischen Immobilienmarkt führen und womöglich die gesamte Wirtschaft des Landes in Mitleidenschaft ziehen könnte.

Peking scheint die Crash-Gefahr billigend in Kauf zu nehmen. Chinas Regierung sorgt derzeit jedenfalls mit dem eisernen Besen dafür, dass heimische Unternehmen ihre Schuldenquote reduzieren. Seit August vergangenen Jahres gelten strengere Regeln für die Verschuldung von Immobilienkonzernen. Seitdem sei es deutlich schwieriger für in Schieflage geratene Unternehmen, ihre Probleme mit neuem Fremdgeld zu überdecken, sagt der Finanzjournalist und Chinaexperte Dinny McMahon im "Handelsblatt". Daraus resultiere letztendlich auch die Krise bei Evergrande.

Zwischen Pest und Cholera
China müsse eine neue Balance in seiner Wirtschaft finden, analysiert Star-Ökonom Kenneth Rogoff: eine Balance mit weniger Schulden. Rogoff befürchtet allerdings, dass der aktuelle Regierungskurs negative Effekte mit sich bringt, die sich gegenseitig verstärken. Wenn der Immobiliensektor als Wachstumstreiber ausfällt und Chinas Wirtschaftswachstum schrumpft, steigt erst recht die Gefahr, dass die Blase am Immobilienmarkt platzt. 

Die Frage ist, wie weit die chinesische Führung in ihren Bemühungen um einen Schuldenabbau geht – ob sie einen möglichen Absturz der Wirtschaft mit neuen Schulden abfedert, obwohl das Land bereits ähnlich hoch verschuldet ist wie die USA, oder ob sie ihren derzeitigen Kurs bis zum bitteren Ende verfolgt. Letzteres hätte auch Folgen für die Weltwirtschaft. "Chinas Schuldenprobleme könnten einen Dominoeffekt auslösen und die Wirtschaftskraft Chinas schwächen, mit enormen globalen Auswirkungen", warnt Lisandra Flach, Leiterin des Ifo-Zentrums für Außenwirtschaft, im "Handelsblatt". (fp)