Normalerweise beginnen Horrorfilme idyllisch: Sanfte Musik, fröhliche Jugendliche. Niemand rechnet mit etwas Bösem – bis nachts Zombies oder andere Ungeheuer auftauchen und alle in Angst und Schrecken versetzen. Einer der bekanntesten "Untoten" ist die Inflation, zumindest, wenn es nach Stephen Dover geht. Der Anlagestratege des Investmenthauses Franklin Templeton vergleicht die Teuerung mit einem Drehbuch für einen Horrorfilm, bloß schlimmer. "Während Horrorfilme unglaublich vorhersehbar und formelhaft sind, stehen wir vor einer ganz anderen Zukunft", sagt Dover. "Die nächsten sechs Monate werden voller Wendungen sein, die zum Gruseln sind."

Wie ein Geist war die Inflation jahrzehntelang aus dem Sichtfeld der Menschen verschwunden, jetzt taucht sie plötzlich wieder auf. Vergangene Woche stieg die Verbraucher- und Erzeugerpreisinflation in den USA unerwartet an. Das beeinflusste die Stimmung an den Märkten: Sowohl Aktien als auch Anleihen und sogar Kryptowährungen stürzten ab. Schon Ende der Woche hatte sich der Tumult wieder gelegt und die Märkte erholt. In einem Horrorfilm würde die bedrohliche Musik jetzt abklingen, doch Kenner wissen: Die Gefahr ist nicht gebannt, eigentlich geht es jetzt erst richtig los. 

Anleger mit "Sell in may" gut bedient
Laut Dover gibt es mindestens drei Gründe, warum sich Anleger vor steigenden Inflationsraten fürchten sollten. Zum einen haben die Aktienmärkte im laufenden Jahr hervorragende Ergebnisse erzielt, Unternehmen im S&P500-Index konnten im Vergleich zum Vorjahr ihre Gewinne um fast ein Drittel steigern. Die Kehrseite: Viel Luft nach oben gibt es nach Ansicht von Dover nicht mehr. "Denn von nun an wird es schwierig sein, dass die Dinge mehr als nur geringfügig besser werden", sagt er. Die Börsenweisheit "Sell in May and go away" könnte in diesem Jahr zutreffend sein. Außerdem dürfte die Inflation entgegen der Meinung der Fed nicht bloß vorübergehend sein. Während Fed-Präsident Jerome Powell beharrlich an einem raschen Vorüberziehen der Kaufkraftentwertung festhält, gab sich sein Stellvertreter Richard Clarida durchaus überrascht über das Ausmaß des Anstiegs des US-Verbraucherpreisindex im April. 

Mit kletternden Preisen könnte es für Investoren immer schwieriger werden, geeignete Anlagemöglichkeiten zu finden, betont Dover. "Steigende Zinssätze würden die Kurse von Staats- und Unternehmensanleihen gleichermaßen nach unten drücken", sagt er. "Höhere Hypothekenzinsen würden den Appetit auf Immobilien dämpfen." Anleger sollten mit der drohenden Inflationsgefahr beherzt umgehen. "Investoren müssen sorgfältiger als je zuvor nach Chancen suchen und diejenigen ausfindig machen, die von der sich verändernden Wirtschaft profitieren", sagt der Vermögensprofi. Es gilt wie im Horrorfilm: Wer verzagt, hat verloren. (fp)