"Die britische Premierministerin Theresa May hat endlich den Termin bestätigt, an dem sie beabsichtigt, als britische Premierministerin zurückzutreten, nachdem sie die wachsende Kritik von Mitgliedern ihrer eigenen Partei über viele Wochen ertragen hatte." Mit diesem Satz kommentiert David Zahn, europischer Anleihenchef bei Franklin Templeton, den angekündigten Rücktritt der konservativen Politikerin.

Selbst in den ansonsten eher zurückhaltenden Markt-Kreisen ist zwischen den Zeilen also deutlich eine gewisse Erleichterung zu spüren, dass das Dramolette rund um May ein Ende gefunden hat, wenngleich zu Redaktionsschluss noch kein Top-Favorit für die Nachfolge ausgemacht werden konnte. Die beschriebene Erleichterung machte sich auch breit, obwohl sich mit dem Schritt "die Chancen erhöhen, dass das Vereinigte Königreich ohne Deal aus der Europäischen Union (EU) ausscheidet." Zahn erwartet eine negative Marktreaktion, argumentiert aber, dass es gute Kaufgelegenheiten für aktive Manager geben könnte.

Wahrscheinlichkeit für "No Deal" steigt
"Vieles hängt jetzt von der Identität ihres Nachfolges ab, aber wir sehen eine wesentlich höhere Wahrscheinlichkeit, dass das Vereinigte Königreich am oder vor dem 31. Oktober 2019 ohne Abkommen über seine künftigen Handelsbeziehungen aus der EU ausscheidet." Angesichts der Stimmung unter den Basis-Tories erwartet das Fondshaus, dass der neue Partei-Chef aus dem euroskeptischen Flügel der Konservativen Partei kommt und eine härtere Haltung gegenüber Brexit einnimmt.

"Aber wer auch immer an der Spitze steht, wir rechnen damit, dass es keine Zeit für den Nachfolger von May geben wird, über ein neues Abkommen mit Brüssel zu verhandeln. Jede weitere Erweiterung des möglichen Brexit-Deals würde erneut die Zustimmung aller 27 EU-Mitgliedstaaten erfordern, und sie haben sich bereits als zögerlich erwiesen, weitere Kompromisse einzugehen. Möglicherweise könnte der neue Premierminister einseitig Artikel 50 zurückziehen und Brexit effektiv absagen, aber wir sehen keine deutlichen Anzeichen für dieses Szenario von einem der führenden Kandidaten für den Job", so Zahn weiter.

Gilts und Sterling unter Beobachtung
"In der Zwischenzeit werden die Märkte wahrscheinlich noch einige Zeit recht 'skittisch' sein da Anleger auf alle Nachrichten über die Identität eines neuen Führers, die Möglichkeit einer neuen Parlamentswahl und jeden letzten Versuch, einen Deal zu erzielen, warten", wie Zahn ausführt.

Bei Franklin Templeton geht man deshalb davon aus, dass die Gilt-Renditen und das Pfund weiter sinken werden, da die britischen und europäischen Märkte in eine Phase erhöhter Unsicherheit geraten. Die britische Wirtschaft wird demnach "wahrscheinlich unter der gestiegenen Unsicherheit leiden, da sowohl das Vereinigte Königreich als auch die EU ihre Vorbereitungen auf eine No-Deal-Situation verstärken. Das wird wahrscheinlich zu einer Reaktion des Geldpolitikausschusses der Bank of England führen. Wir würden erwarten, dass er sich auf der Seite der "Accommodation" begibt. Sie könnte sogar erwägen, ihr Programm zur quantitativen Lockerung neu zu starten", so die Analyse, die mit einem taktischen Hinweis schließt: "Es mag schwierig sein, bei dem "Lärm" den Durchblick zu bewahren, aber für diejenigen Investoren, die es können, denken wir, dass es aktuelle gute Möglichkeit gibt, ihre Portfolios aus Renditesicht aufzuwerten."  (hw)