Hohe Bewertungen und die starke Konzentration auf wenige Technologie- und KI-Unternehmen machen die globalen Aktien­märkte zunehmend anfällig für abrupte Kurs­korrekturen. Für Anleger rückt damit die Diversifikation stärker in den Fokus. Für Daniel Jakubowski, Leiter Aktien-Portfoliomanagement bei Assenagon, ist Diversifikation aber nicht nur eine Frage der Anzahl an Aktien im Portfolio.

Je mehr Aktien ein Port­folio enthält, desto besser ist es nach allgemeiner Sichtweise diversifiziert. Allein daraus die Empfehlung abzuleiten, möglichst viele Einzel­aktien in das Portfolio aufzunehmen, greift für Jakubowski zu kurz. "Die Zahl der Titel ist zwar relevant, sagt für sich genommen aber noch wenig über die tatsächliche Risiko­streuung aus", sagt der Assenagon-Aktienleiter. In einer Studie untersucht er mit Sebastian Schmider, Leiter AI Solutions & Macro Analytics bei Assenagon, wie sich die Diversifikation mit steigender Titel­zahl verändert.

Benchmarknähe bietet keine echte Diversifikation
Dafür vergleichen die beiden Investment­experten zwei Portfolio­typen über den Zeitraum von zehn Jahren: ein nach Markt­kapitalisierung gewichtetes Port­folio und ein Port­folio, in dem sämtliche Aktien gleich­gewichtet sind. Als Benchmark dient ein globales, kapitalisierungs­gewichtetes Anlage­universum aus knapp 1.300 Titeln. Das Ergebnis: Bei beiden Ansätzen nimmt der Diversifikations­effekt mit wachsender Titel­zahl zunächst zu. Wie breit Kapital und Risiken tatsächlich gestreut sind, unterscheidet sich jedoch erheblich.

Kapitalisierungs­gewichtete Port­folios nähern sich mit zunehmender Titelzahl schnell dem breiten Markt an. Wer die größten Index­unternehmen entsprechend ihrer Markt­kapitalisierung hält, bildet automatisch einen erheblichen Teil des Index ab. Das bedeutet jedoch nicht zwangs­läufig, dass Kapital und Risiken ausgewogen verteilt sind. Auch dieses Portfolio kann in hohem Maße von wenigen Unternehmen abhängen. "Entscheidend für ein breit diversifiziertes Portfolio ist nicht allein die Anzahl der Positionen oder der Tracking Error, sondern vor allem das Gewicht der größten Titel und ihr Beitrag zum Gesamt­risiko", so die Autoren.

Mit Gleichgewichtung Konzentrationsrisiken senken
Das zeigt der Blick auf das vollständige globale Anlage­universum. Obwohl es in der Modell­rechnung 1.268 Unternehmen umfasst, entfallen im kapitalisierungs­gewichteten Portfolio rund 26 Prozent des Gesamt­gewichts auf lediglich zehn Positionen, die zudem für rund 40 Prozent der Portfolio­varianz verantwortlich sind. "Die Risiko­konzentration kann damit noch ausgeprägter sein als die reine Gewichts­konzentration", konstatiert Jakubowski.

Gleichgewichtete Portfolios zeichnen ein anderes Bild. Da jeder Titel zunächst dasselbe Gewicht erhält, sinkt die Abhängigkeit von einzelnen Groß­unternehmen deutlich. Im vollständigen Anlage­universum liegt der gemeinsame Anteil der zehn größten Positionen bei weniger als einem Prozent. Mit zunehmender Titel­zahl entfernt sich ein gleich­gewichtetes Portfolio allerdings stärker vom kapitalisierungs­gewichteten Gesamtindex. Diese Abweichung ist jedoch nicht automatisch ein Zeichen mangelnder Diversifikation. "Sie zeigt vielmehr, dass Benchmark­nähe und Risiko­streuung zwei unterschiedliche Eigenschaften eines Portfolios sind", sagt Schmider.

Drei Dimensionen entscheiden über die Qualität der Diversifikation
Die Autoren unterscheiden drei Ebenen der Diversifikation. Die Einzel­titel­diversifikation beschreibt, wie stark ein Portfolio von einzelnen Unternehmen abhängt. Entscheidend sind neben der effektiven Anzahl der Aktien insbesondere die Gewichtung der größten Positionen und die Ver­teilung der Risiko­beiträge. Die Benchmark-Abhängigkeit zeigt, welcher Anteil der Portfolio­bewegungen durch den Vergleichs­index erklärt wird. Weder die Nähe zur Bench­mark noch die Abweichung davon sind für sich genommen ein Beleg für Diversifikation. Die Ebene der ökonomischen Diversifikation betrachtet schließlich, wie breit ein Portfolio über Länder, Sektoren und Faktoren hinweg aufgestellt ist. Denn auch viele Einzel­titel können ähnlichen wirtschaftlichen Einflüssen ausgesetzt sein und sich in Stress­phasen entsprechend gleichförmig entwickeln.

Das Fazit der Autoren: Gerade in einem Umfeld anhaltender geo­politischer Unsicherheit, hoher Bewertungen und konzentrierter Aktien­märkte sollten Anleger Diversifikation nicht als bloße Frage der Titelzahl verstehen. "Ein Portfolio mit 250 gezielt ausgewählten und ausgewogen gewichteten Titeln kann besser diversifiziert sein als ein kapitalisierungs­gewichtetes Welt­portfolio mit über 1.000 Einzel­aktien", so die Assenagon-Experten. Ausschlaggebend sei nicht die maximal mögliche Zahl an Positionen. Entscheidend sei vielmehr, welche Rendite- und Risiko­treiber bewusst in das Port­folio aufgenommen werden – und welche Konzentrations­risiken möglicherweise unbemerkt entstehen. (jh)