Selten gab es eine Phase mit so vielen Krisen zur selben Zeit. Der Krieg in der Ukraine, die Lockdown-Serie in China, globale Lieferkettenunterbrechungen, explodierende Energiepreise und eine aus dem Ruder laufende Inflation. Dennoch: Es gibt gute Gründe dafür, zuversichtlicher zu sein, als es der aktuelle "Krisen-Cocktail" vermuten lässt. Zu diesem Schluss kommen die Kapitalmarktstrategen des Kölner Vermögensverwalters Flossbach von Storch. 

Im Mittelpunkt des "Krisen-Cocktails" befinde sich inzwischen die Inflation. "Die Notenbanken stehen vor einer Herkulesaufgabe", schreiben die Flossbach-Experten in ihrem Kapitalmarktbericht für das erste Halbjahr 2022. Dies gelte insbesondere für die Europäische Zentralbank (EZB), die den Geldwert durch massive Zinserhöhungen verteidigen muss, ohne damit eine Schuldenkrise auszulösen. 

Nur ein Vorgeschmack
Der moderate Zins- und Renditeanstieg im ersten Halbjahr hat bereits zu starken Kursverlusten bei Anleihen geführt. Das sei aber nur ein "Vorgeschmack" gewesen. Der Anstieg habe erahnen lassen, was drohen würde, sollten sich die Notenbanken angesichts einer hartnäckig hohen Inflation zu sehr viel schärferen Maßnahmen entschließen. "Viele Herausforderungen unserer Zeit wirken sich direkt oder indirekt auf die Inflation aus oder werden von ihr beeinflusst", schreiben die Kapitalmarktprofis. Diese Interdependenzen machten Prognosen noch schwerer als sie ohnehin schon sind.

"Es gibt aber auch Entwicklungen, die dazu beitragen können, mehrere Probleme auf einmal zu lösen", heißt es im Kapitalmarktbericht des Kölner Vermögensverwalters. Der Schlüssel liege im technologischen Fortschritt und der Digitalisierung. "Mehr Produktivität bedeutet weniger Ressourcenverbrauch, dämpft den Preisauftrieb und führt zu nachhaltig höheren Wachstumsraten", schreiben die Autoren. Innovative und erfolgreiche Unternehmen aus dem IT-, Industrie- und Dienstleistungsbereich dienten somit nicht nur ihren Aktionären, sondern auch der Allgemeinheit.

Verbessertes Chance-Risiko-Verhältnis
Trotz der deutlichen Kursverluste im ersten Halbjahr seien die Gewinnperspektiven wachstumsstarker und resilienter Unternehmen weiterhin gut, sind die Flossbach-Strategen überzeugt. "Das Chance-Risiko-Verhältnis von Aktien hat sich dadurch verbessert. Daran würde auch eine mögliche Konjunkturabkühlung nichts ändern", schreiben sie. 

Aktien von Unternehmen, deren Produkte und Dienste begehrt sind und die über genügend Preissetzungsmacht verfügen, böten nicht nur Inflationsschutz, sondern langfristig auch ein reales Wertzuwachspotenzial. Bei Unternehmensanleihen mittlerer Bonität gebe es erstmals seit langem wieder Renditen, die sogar ausreichen könnten, um die Inflation zu schlagen. Diese Aspekte sind es, die Anleger auch im momentanen "Krisen-Cocktail" ein wenig Zuversicht geben könnten. (am)