Wer in Deutschland sein Geld auf die Bank tragen möchte, muss mittlerweile vorher abklären, ob er überhaupt erwünscht ist. Zahlreiche Institute verrechnen neuen Kunden auf Spar-, Tagesgeld- oder Girokonten bereits Negativzinsen.

Nur Spargeld geschützt
In Österreich werden Verbraucher mit dem Problem vorerst noch nicht behelligt. Unter anderem liegt das an der gesetzlichen Situation. Der Oberste Gerichtshof (OGH) hat im Jahr 2009 Strafzinsen teilweise einen Riegel vorgeschoben. Eine Nullverzinsung auf Spareinlagen widerspricht "den elementaren und gesetzlich angelegten Zwecken einer Spareinlage (Gewinn- und Vermögensbildungsfunktion) diametral", stellte das Gericht klar. Allerdings: Girokonten oder Verrechnungskonten bei Wertpapierdepots erwähnt der OGH nicht. Geld, das dort liegt, könnte auch in Österreich durchaus mit Strafzinsen belegt werden. Die Wiener Niederlassung des deutschen Depotanbieters Flatex verrechnet zum Beispiel auch hierzulande seinen Kunden seit Längerem Minuszinsen.


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Die österreichischen Branchenkollegen sind zurückhaltend, schließen jedoch nichts aus. So sieht etwa Hello-Bank-Chef Robert Ulm "aktuell keine Veranlassung" für Negativzinsen. Aber: "Wie alle betroffenen Banken diskutieren wir die Auswirkungen der Negativzinsen auf unser Geschäftsmodell." Auch bei Dadat, ING Österreich, Erste Bank oder RLB NÖ-Wien heißt es: "Momentan nicht." Stellvertretend für andere sei der Nachsatz der ING-Bank genannt: "Die weitere Entwicklung ist nicht absehbar, und wir sehen es als unsere Pflicht, auf die verschiedenen Szenarien vorbereitet zu sein." Die gesamte Umfrage erscheint in der aktuellen Printausgabe von FONDS professionell.

Österreichs Banken haben laut einer Studie von Deposit Solutions zwischen 2016 und 2019 bereits eine knappe halbe Milliarde Euro bezahlt, um überschüssige Liquidität bei der EZB einlegen zu dürfen. Der Druck steigt auf alle, aber verständlicherweise will niemand der Erste sein, der diese Strafzinsen an Private weitergibt.

Die Banken seien auch deshalb zurückhaltend, weil sie nach den 2017 gerichtlich angeordneten Millionenrückerstattungen von Negativzinsen im Kreditbereich keine neuen Schlagzeilen zum Thema wollen, sagt Christian Prantner von der Arbeiterkammer Wien. Statt Negativzinsen einzuführen, würden eher die Gebühren erhöht. Auf die Ruhe will sich Prantner aber nicht verlassen. Er fordert ein Gesetz, das auch Girokonten ausdrücklich vor Minuszinsen schützt.

Real sind die Zinsen seit langem negativ
Doch ist so ein Gesetz überhaupt sinnvoll? Ein Null- oder Negativzinsverbot würde schließlich nur die nominalen Zinsen betreffen. In realen Werten gemessen, haben Minuszinsen hingegen schon seit Langem Tradition. Seit den 1960er Jahren sind die Marktzinsen abzüglich der Inflation die meiste Zeit negativ, wie eine Aufstellung der OeNB zeigt.

Sinkflug seit dem Mittelalter
Tatsächlich mehren sich die Denkansätze, wonach ein echter Zinsaufschwung unwahrscheinlich ist. So diskutieren Experten des US-Notenbanksystems (Fed) mittlerweile nicht nur das bekannte "Lower for longer", sondern ein "Low for ever".

"Negativzinsen sind unausweichlich", sagt der Wirtschaftshistoriker Paul Schmelzing. Er hinterlegte diese Aussage zu Jahresbeginn mit einer viel beachteten Studie, für die er die weltweiten Zinsen seit dem Jahr 1311 analysiert hat. Seit dem Mittelalter fallen die Realzinsen jedes Jahr um etwa 0,6 bis 1,6 Basispunkte. Das entspricht 0,6 bis 1,6 Prozentpunkten pro Jahrhundert. Auf diesen Abwärtssog, so Schmelzing, haben die Notenbanken kaum einen Einfluss. Seiner Berechnung zufolge gibt es langfristig keine Rechtfertigung dafür, steigende Zinsen zu erwarten; ab dem Jahr 2038 könnten vielmehr global alle langfristigen Zinsen negativ sein. Mögliche Faktoren: weltweit steigende Vermögen (Überangebot) und eine immer sicherere Welt, was die Risikoprämien sinken lässt.

Generationenkonflikte und politische Hilflosigkeit
Teodoro Cocca, Finanzexperte an der JKU-Linz befürchtet Generationenkonflikte, weil der sichere Vermögensaufbau erschwert wird, wie aus einem Interview hervorgeht, das ebenfalls in der Printausgabe von FONDS professionell erscheint. Da es der Bevölkerung kaum mehr möglich ist, mit sicheren Assets einen Vermögensaufbau zu betreiben, steigt merklich der Druck auf die Politik, sich Maßnahmen zu überlegen.

In Deutschland fordern Politiker zum "Schutz der Sparer" Bürgeranleihen, die auf zehn Jahre mit plus zwei Prozent verzinst sind –Während deutsche Staatsanleihen weitgehend negativ verzinst sind. Stefan Pichler, Wirtschaftswissenschaftler an der WU Wien findet solche Anleihenkonzepte volkswirtschaftlich fragwürdig. "Ich kann den Bürgern in welcher Form auch immer Geld schenken. Letztendlich wäre es eine Transferleistung, ein Wahlzuckerl", sagt er. (eml)