Es ist eine brisante Frage, die über dem diesjährigen Investmentforum von Amundi in Paris schwebte: Trägt die Finanzwirtschaft eine Verantwortung beim Stopp des Klimawandels und bei der Lösung sozialer Ungleichheiten? Die Antwort dürfte bei manchen für Unbehagen sorgen, denn sie war überraschend eindeutig für eine Branche, die sich ansonsten fast reflexartig gegen neue Auflagen sträubt. Nobelpreisträger, Wirtschaftswissenschafter und Praktiker aus französischen Banken und Industrieunternehmen sprachen sich für sehr umfassende Maßnahmen aus, die für den einen oder anderen in Zukunft teuer werden könnten.


In unserer Bildergalerie oben lesen Sie, was renommierte Redner wie Nobelpreisträger William Nordhaus oder Ex-US-Staatssekretär John Kerry zu den sozialen und ökologischen Herausforderungen sagen. Auch der ehemalige deutsche Außenminister Sigmar Gabriel kam zu Wort. Und Engie-Vorstandschefin Isabelle Kocher übte Kritik an den Investoren.


Dass die Regulatoren konkret daran arbeiten, den Klimawandel und die Verschärfung sozialer Ungleichheiten einzupreisen, bestätigt der Gouverneur der französischen Zentralbank (Banque de France) François Villeroy de Galhau. Soziale und ökologische Verwerfungen beeinflussen die Preisniveaus, gefährden die wirtschaftliche Entwicklung und damit die Finanzstabilität. Daher sei ethisches Engagement "Teil unserer Pflichten und unseres Mandates", stellte Villeroy de Galhau klar. "Denken Sie nur an den tiefen Wasserstand des Rheins vergangenen Sommer, der auf das deutsche Wirtschaftswachstum drückte. Die OECD prognostiziert: Wenn wir den Klimawandel nicht jetzt bekämpfen, büßen wir Ende des Jahrhunderts zehn Prozent des weltweiten Bruttoinlandproduktes ein".

Die Banque de France hat vor rund eineinhalb Jahren das "Network for Greening the Financial System" (NGFS) initiiert, gemeinsam mit anfänglich acht Zentralbanken und Regulatoren. Mittlerweile sind es 40 weltweit. "Eine Koalition der Willigen", wie Villeroy de Galhau meint.

"Zwei mächtige Instrumente für Notenbanken"
In diesem Rahmen werden zwei "sehr mächtige Instrumente" für die Notenbanken diskutiert: Zum einen die Einbeziehung von Klimarisiken in Stresstests: Diese seien eine Kernkompetenz der Notenbanken und müssten künftig unter Berücksichtigung ökologischer Risiken für viel längere Horizonte modelliert sein, so Villeroy de Galhau. Zweitens – und das sei den wenigsten bekannt – würden die Notenbanken einen klimarelevanten Auftrag auch in der Geldpolitik sehen.

In Diskussion sei, dass die Sicherheiten, die die Banken zur Verfügung stellen müssen, wenn sie sich von den Notenbanken Geld leihen, hinsichtlich ihrer Klimarisiken beurteilt werden. "Das ist eine sehr schlagkräftige Veränderung in unserer Geldpolitik. Aber wir stehen hier erst am Beginn", so Villeroy de Galhau.

Mächtig wäre dieses Instrument deshalb, weil es für Klima-Nachzügler bedeutet, dass sie mit schlechteren Konditionen rechnen müssen. Für Kreditinstitute wiederum heißt das, dass sie sich rechtzeitig um belegbare Maßnahmen kümmern, damit sie durch die Einführung einer derartigen Maßnahme nicht unter Druck geraten.

Crédit Agricole: Wachstum soll aus "grünem Geschäft" kommen
An Beispielen mangelt es nicht: So hat etwa die französische Großbank Crédit Agricole soeben einen umfassenden Plan bekannt gegeben, in dem Kredite, Investments und verwaltete Vermögen so weit umgeschichtet werden, dass der "grüne" Teil des Geschäfts zum Wachstumstreiber werden soll. Der Prozess soll wissenschaftlich begleitet und von unabhängigen Prüfstellen begutachtet werden. Mehrere konkrete Ziele wurden ausgerufen, etwa, dass man ein Drittel aller erneuerbaren Energieprojekte am Markt finanzieren will. "Wir bewegen viel Kapital, wir sind in der Lage zu innovieren, wir müssen unsere Pflicht tun", wie Xavier Musca Vorstands-Vize der Crédit Agricole und Verwaltungsrat bei Amundi, sagte.

Außerdem werden die Risiken der Kunden künftig nicht nur nach finanziellen Aspekten beurteilt, sondern auch danach, inwieweit ein Geschäftsmodell bereit für die Energiewende ist. Das so genannte "Transition Scoring" wird vorerst auf große Unternehmen angewandt und könnte später auch auf KMU übertragen werden.

Beim Amundi-Investmentforum, das im Juni in Paris stattfand, lag nicht zuletzt angesichts des Ausstiegs der USA aus dem Pariser Klimaabkommen eine Trotzreaktion der europäischen Diskussionsteilnehmer greifbar in der Luft. Vor allem wurden die Chancen betont, die die Energiewende für den europäischen Technologiesektor bringt. Selten eine Veranstaltung, bei der derart viele gewichtige Stimmen mit so hohem Nachdruck eine Eigenverantwortung punkto Klimawandel einforderten. (eml)


Service: Die Empfehlungen des NGFS-Netzwerks, bestehend aus 40 Regulatoren und Zentralbanken, an die Finanzbranche können auf der Homepage der Banque de France heruntergeladen werden.