Aktien kaufen, die stärker steigen als der Markt – und verkaufen, sobald der Höhepunkt erreicht ist: Dieser Investorentraum scheint sich mit Börsengiganten wie Tesla, Amazon, Google oder Apple aktuell bewahrheitet zu haben. Wer in den vergangenen Jahren Geld in deren Anteilscheine gesteckt hatte, konnte sich über spektakuläre Kursgewinne freuen. Doch greift die Börsenregel "The trend is your friend" auch abseits des Tech-Sektors zuverlässig? Die "Neue Zürcher Zeitung" (NZZ) hat die Faustregel auf ihre Tauglichkeit geprüft – und zieht ein ernüchterndes Fazit.

Es gebe viele Beispiele, welche die "offensichtliche" Börsenweisheit wenig weise erscheinen lassen, schreiben die Autoren. Beispiel Cannabis-Aktien: Die Branche schien der nächste große Trend-Sektor zu werden und enttäuschte doch auf ganzer Linie. Der S&P 500 hat den Index der Cannabis-Aktien seit September 2019 um etwa 70 Prozentpunkte übertroffen. Das bedeute konkret, man hat mit den "Rauschmittel-Titeln" Geld verloren, als die Börse zwei gute Jahre verzeichnete.

ESG: Hoffnung oder Hype?
Nicht viel anders verhielt es sich Ende der Neunziger Jahre mit Aktien von Unternehmen, die vom unaufhaltsamen Siegeszug des Internet profitieren sollten. "Mit dem Platzen der Dotcom-Blase im Jahr 2000 kehrte viel Ernüchterung ein – gepaart mit hohen Kursverlusten", heißt es in dem Bericht. Auch Hype-Sektoren wie Luftfahrt, Wasser oder Infrastruktur und das lange Zeit über alle Zweifel erhabene  BRIC-Länderquartett (Brasilien, Russland, Indien und China) weisen verglichen mit dem Weltaktienindex MSCI World markante Rückstände auf.

Ähnliches könnte sich beim Thema ESG (Environment, Social, Governance) wiederholen, unken die NZZ-Autoren. "Nachhaltigkeit wird mittlerweile so breit gefasst, dass wahrscheinlich mehr Aktien dazugehören als Titel, die nicht darunterfallen. Dass ein solch umfassender Trend den Gesamtmarkt auf längere Sicht kaum schlägt, liegt auf der Hand."

Wenige Sieger, viele Verlierer
Der Grund dafür, dass die Wette auf vermeintliche Börsenüberflieger häufiger nach hinten losgeht als vermutet: In Trendbranchen steigen die Erwartungen in der Euphorie oft so hoch, dass Unternehmen ihnen geschäftsseitig kaum mehr gerecht werden können. Das Potential für das Übertreffen dieser Erwartungen ist den Autoren zufolge sehr klein.

Viele Investoren würden das nicht wahrhaben wollen und Trend-Unternehmen höher bewerten, als es ihre Überlebenswahrscheinlichkeit oder die mittelfristige Wachstumsgeschwindigkeit eigentlich erlaubten. In der Psychologie nennt man dieses Phänomen auch "Prävalenzfehler". Die Folge: "Einige wenige Firmen werden als Sieger hervorgehen, der Sektor als Ganzes wird aber fallende Kurse liefern", schreiben die Autoren. (fp/ps)