Der Krieg im Iran und seine Auswirkungen auf die Inflation könnten die Europäische Zentralbank (EZB) dazu zwingen, die Zinsen früher als erwartet zu erhöhen. Das sagte Peter Kazimir, Mitglied des EZB-Rats.

Die EZB befinde sich derzeit zwar noch in einer "guten Position", und bei der Sitzung in der kommenden Woche bestehe kein unmittelbarer Handlungsbedarf. Kazimir befürchtet jedoch, dass die Erinnerung an den Inflationsschock von 2022 die Schwelle gesenkt hat, ab der Unternehmen Preise erhöhen und Beschäftigte höhere Löhne verlangen. Die Risiken für höhere Inflation überwögen derzeit klar, sagte er.

"Für den Moment müssen wir ruhig bleiben", erklärte Kazimir am Dienstag (10.3.) in einem Interview in Frankfurt. "Ich würde sagen, eine Reaktion der EZB ist möglicherweise näher, als viele denken", fügte er hinzu. "Ich will nicht über April oder Juni spekulieren. Aber wir werden bereit sein zu handeln, wenn es nötig ist."

Märkte erwarten Zinsschritte
An den Finanzmärkten wird derzeit eher mit einer Zinserhöhung im Juni oder später gerechnet. Hintergrund sind steigende Energiekosten infolge des Konflikts im Nahen Osten, die die EZB zu einem Eingreifen bewegen könnten.

Allerdings reduzierten Händler ihre Wetten auf zwei Zinserhöhungen um jeweils 25 Basispunkte in diesem Jahr, nachdem US-Präsident Donald Trump erklärt hatte, der Krieg könne "sehr bald" beendet sein. Der Euro konnte nach Kazimirs Aussagen seine Gewinne halten.

Fortschritte bei Preisstabilität in Gefahr
EZB-Vertreter rufen zwar zur Geduld auf, sehen aber auch Risiken für die Fortschritte bei der Wiederherstellung der Preisstabilität. Vor vier Jahren war die Inflation im Euroraum auf über zehn Prozent gestiegen.

Auch die wirtschaftliche Entwicklung könnte betroffen sein, da sich die Stimmung bereits eintrübt. "Die Situation ist sehr volatil – sogar dramatisch –, und eine Panikreaktion von Märkten und Politik könnte ein Risiko darstellen", sagte Kazimir, der zugleich Chef der slowakischen Zentralbank ist.

Sorgen um anhaltenden Preisdruck
Schon vor den Ereignissen im Iran habe er die Lage mit Sorge betrachtet, sagte Kazimir. Dienstleistungspreise erweisen sich als hartnäckig, die Preise für Waren sinken nicht schnell genug, und die Gewinnmargen weiten sich aus.

"Die Balance der Risiken für die Inflation hat sich klar nach oben verschoben", sagte er. "Wir können alle Diskussionen über ein Unterschießen der Inflation vergessen."

Höhere Löhne und Preise möglich
Auch die Inflationserwartungen – ein Frühindikator für länger anhaltende Preiswirkungen – seien zuletzt gestiegen.

"Unternehmen erinnern sich noch gut an die Inflationsjahre und werden höhere Kosten wahrscheinlich viel schneller an Verbraucher weitergeben als 2022", sagte Kazimir. "Und Menschen werden schneller höhere Löhne verlangen als in der Vergangenheit." Solche Zweitrundeneffekte könnten Zinserhöhungen erforderlich machen.

EZB sieht sich besser vorbereitet
Die Währungshüter seien heute besser vorbereitet als im Jahr 2022. Damals hätten Reste der quantitativen Lockerung und das Bekenntnis zu einer lockeren Geldpolitik den Handlungsspielraum eingeschränkt. "Wir können schneller reagieren, wenn es nötig ist", sagte Kazimir. "Wir müssen agil sein. Und wir haben unsere Lektionen gelernt."

Neue EZB-Prognosen, die noch in diesem Monat und erneut im Juni erwartet werden, seien keine Voraussetzung für eine Entscheidung. "Ich habe keine Vorbehalte gegen eine Zinserhöhung ohne neue Prognosen. Klar ist, dass Überlegungen zu weiteren Zinssenkungen derzeit definitiv vom Tisch sind."

Weitere Notenbanker warnen
Kazimirs Hinweise auf mögliche Zinserhöhungen decken sich mit Äußerungen anderer EZB-Vertreter. Österreichs Martin Kocher betonte beim FONDS professionell KONGRESS in Wien, "wir werden alles dafür tun, dass es nicht wieder zu einer Inflation kommt". Griechenlands Yannis Stournaras plädierte für Flexibilität. EZB-Präsidentin Christine Lagarde, Frankreichs Francois Villeroy de Galhau und Lettlands Martins Kazaks erklärten, die EZB werde nicht zulassen, dass sich Inflation festsetzt.

Auch andere Ratsmitglieder sehen steigende Risiken. Estlands Notenbankchef Madis Muller sagte, die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung sei gestiegen. Bundesbank-Präsident Joachim Nagel erklärte, die Währungshüter würden noch in diesem Monat entscheiden, "ob der derzeitige geldpolitische Kurs weiterhin angemessen ist".

Wachstumsaussichten bleiben stabil
Trotz der Unsicherheit bleibt Kazimir "ziemlich optimistisch" für das Wirtschaftswachstum und sieht derzeit keine große Gefahr einer Stagflation. Gleichzeitig warnte er Regierungen davor, Verbraucher und Unternehmen mit teuren Hilfsprogrammen vor hohen Energiepreisen zu schützen, insbesondere angesichts angespannter Haushaltslagen in einigen Mitgliedstaaten.

"Es besteht kein Zweifel, dass Regierungen Ideen entwickeln werden, um zumindest etwas Entlastung zu bieten", sagte er. "Ich würde dringend davon abraten und sie ermutigen, sehr zielgerichtet und zeitlich strikt begrenzt vorzugehen. In der Vergangenheit ist das allerdings nie passiert."

Spekulationen über Lagarde zurückgewiesen
Kazimir zeigte sich überzeugt, dass Christine Lagarde ihre Amtszeit als EZB-Präsidentin vollständig erfüllen wird, und versuchte damit Spekulationen über ein vorzeitiges Ausscheiden zu dämpfen. Sie habe "klar gesagt, dass sie ihre Amtszeit beenden will – das war eine sehr klare Botschaft an uns", sagte er.

"Wenn in Zukunft etwas passiert, ist das in Ordnung, dann werden wir damit umgehen. Aber jetzt ist nicht der Zeitpunkt, darüber zu spekulieren." Gerade in der aktuellen Situation brauche Europa Führung in seinen Institutionen, fügte er hinzu. "Zweifel daran, ob jemand im Amt bleibt oder nicht, sind nicht gut." (mb/Bloomberg)