EZB-Notenbanker sehen erste Signale einer Stagflation
Mehrere Mitglieder des EZB-Rats warnen wegen des Iran-Kriegs und steigender Energiepreise vor zunehmenden Risiken für Wachstum und Inflation in der Eurozone. Zinserhöhungen bleiben damit auf der Agenda.
EZB-Ratsmitglied Olli Rehn hat davor gewarnt, dass sich infolge des Iran-Kriegs und steigender Energiepreise erste Anzeichen einer Stagflation abzeichnen. "Die ersten Signale waren bereits in den Daten sichtbar, als das Wachstum in der Eurozone im ersten Quartal nur leicht positiv war und die Inflation auf drei Prozent beschleunigte", sagte der finnische Notenbankchef am Mittwoch (13.5.) in einer Rede.
Zugleich betonte Rehn, der aktuelle Schock sei "nicht ganz so groß" wie der Preisanstieg im Jahr 2022. Dennoch hätten sich die Entwicklungen vom Basisszenario der EZB entfernt und bewegten sich näher an einem "weniger günstigen Szenario, zumindest bei den Ölpreisen".
EZB hält trotz höherer Inflation still
Obwohl die Inflation inzwischen deutlich über dem EZB-Ziel von zwei Prozent liegt, verzichten die Währungshüter bislang auf Zinserhöhungen. Sie wollen zunächst abwarten, wie stark sich der Konflikt breiter auf die Preise auswirkt.
Rehn betonte wie andere EZB-Vertreter, entscheidend seien die Stärke und Dauer des Kriegs sowie mögliche Zweitrundeneffekte. Bislang gebe es jedoch keine Anzeichen dafür, dass sich die Inflationserwartungen dauerhaft lösten. Auch die Entwicklung der Löhne bezeichnete er als "beruhigend".
"Man bräuchte eine sehr schnelle und positive Lösung in der Straße von Hormus"
Der slowenische Notenbanker Primoz Dolenc erklärte ebenfalls, die Turbulenzen an den Energiemärkten hätten bislang nur begrenzte Auswirkungen auf die Wirtschaft. Allerdings könnten die Inflationserwartungen der Verbraucher steigen. "Die breiteren Auswirkungen des aktuellen Umfelds könnten sich erst später zeigen, da die Risiken höherer Energie- und Rohstoffpreise an den Weltmärkten allmählich auf die Preise von Waren und Dienstleistungen übergehen könnten", sagte er.
Estlands Notenbankchef Madis Muller spielte das Risiko einer Stagflation zwar herunter, erklärte aber zugleich, dass eine rasche Entspannung im Nahen Osten nötig sei, um eine Straffung der Geldpolitik zu verhindern. "Man bräuchte eine sehr schnelle und positive Lösung in der Straße von Hormus und im Nahen Osten, damit die Energiepreise wieder klar und nachhaltig sinken", sagte er gegenüber "Bloomberg" in Tallinn. "Das heutige Niveau der Energiepreise bedeutet wahrscheinlich eine langsamere wirtschaftliche Erholung und schwächeres Wachstum, aber wir befinden uns noch nicht in einer Stagflation."
Märkte rechnen mit Zinserhöhungen
Die Konjunktur in der Eurozone dürfte sich weiter abschwächen. Das könnte die Inflation zumindest teilweise dämpfen. Frankreich meldete am Mittwoch (13.5.) einen überraschenden Anstieg der Arbeitslosigkeit auf 8,1 Prozent und damit auf den höchsten Stand seit fünf Jahren. An den Märkten wird inzwischen erwartet, dass die EZB den Einlagensatz im Juni um 0,25 Prozentpunkte anhebt und bis Jahresende zwei weitere Zinsschritte folgen.
EZB-Ratsmitglied Francois Villeroy de Galhau wollte sich allerdings nicht festlegen. "Ich höre eine Debatte darüber, ob es im Juni oder erst später passiert", sagte der Chef der Banque de France im Radiosender "Franceinter". "Im April haben wir beschlossen, die Zinsen unverändert zu lassen. Warum? Weil wir noch nicht genug Informationen darüber haben, wie sich dieser berüchtigte Effekt auf andere Preise sowie auf Dienstleistungen und Waren ausbreitet." (mb/Bloomberg)















