Christine Lagarde will mit den Bürgern der Euro-Zone über ihre Gemeinschaftswährung ins Gespräch kommen. "Der Euro gehört Ihnen, bitte teilen Sie uns Ihre Ideen und Sorgen mit", so erklärt die Präsidentin der Europäischen Zentralbank in einem Video auf der EZB-Homepage. Wer sich auf der Internetseite registriert, kann – und soll – seine Meinung zum Euro und zur Geldpolitik der Notenbank kundtun. Damit positioniert Lagarde die EZB neu, urteilt die "Süddeutsche Zeitung" (SZ): Bisher hätten sich die Währungshüter vor allem als Sprachrohr der Finanzmärkte gesehen. Nun sollen sie nach dem Willen Lagardes offenbar stärker als Freunde und Helfer des "kleinen Mannes" agieren.

Die EZB-Präsidentin will den Riss zwischen der europäischen Gesellschaft und ihrer Notenbank kitten, urteilt die Zeitung. Viele Bürger verstehen nicht, warum die EZB seit Jahren Geld in die Märkte pumpt und unbedingt die Inflation ankurbeln will. "Wir werden darüber reden, was wir unter Preisstabilität verstehen, und darüber hinaus diskutieren, inwieweit etwa der Klimawandel und der Arbeitsmarkt unsere Tätigkeit beeinflussen", verspricht Lagarde in dem Video.

Die Fed als Vorbild
Zusätzlich zur Bürgerbefragung lädt die EZB Nichtregierungsorganisationen zur Veranstaltungsreihe "Das Eurosystem hört zu" ein. Auftakt ist Ende März in Brüssel. Auch die nationalen Notenbanken der Eurozonen-Mitglieder sind gefragt: Sie sollen dabei helfen, die Meinungen der Bürger in ihrer jeweiligen Landessprache einzuholen. Lagarde will insbesondere die Deutschen mit der EZB-Politik versöhnen, analysiert die SZ. Die inflationstraumatisierten deutschen Sparer litten unter Lagardes Vorgänger Mario Draghi besonders stark.

Mit ihrer neuen Politik der Bürgernähe orientiert sich die EZB an der US-Notenbank Fed. Diese hat eine landesweite Bürgerbefragung bereits hinter sich. Fed-Vertreter reisten unter dem Motto "Fed Listens" quer durch die Vereinigten Staaten und stellten fest, dass die US-Bürger absolut nichts von dem Inflationsziel der Notenbank von rund zwei Prozent hielten. Im Gegenteil: Die Inflation konnte ihnen gar nicht niedrig genug sein. Sorgen bereiteten den Bürgern vielmehr die hohen Wohn- und Gesundheitskosten. (fp)