Die Corona-Infektionszahlen liegen immer noch hoch, viele Länder Europas befinden sich in mehr oder weniger strengen Lockdowns, durch Mutationen des Virus droht neue Gefahr. In diesem Umfeld ist es kein Wunder, dass die Europäische Zentralbank (EZB) die Füße stillhält.

Auf ihrer Sitzung am gestrigen Donnerstag (21. Januar), der ersten im laufenden Jahr, verkündeten die Notenbanker um EZB-Chefin Christine Lagarde, den Leitzins im Euro-Raum auf rekordtiefen null Prozent zu belassen. Geschäftsbanken, die Geld bei der EZB parken, müssen nach wie vor 0,5 Prozent Zinsen zahlen. Auch das Notkaufprogramm für Anleihen (PEPP), das die Notenbank Ende vergangenen Jahres um 500 Milliarden auf 1,85 Billionen Euro aufgestockt hat, läuft unverändert weiter. Nach aktuellem Stand will die EZB ihre Bond-Käufe bis mindestens Ende März 2022 fortsetzen.

Neue Hilfen für die Wirtschaft kündigte Lagarde Medienberichten zufolge nicht an. Sie versicherte aber, nach wie vor bereit zu stehen, um die Hilfen gegebenenfalls aufzustocken oder auszudehnen. "Nichts ist vom Tisch", zitiert die "Süddeutsche Zeitung" die Notenbankchefin. Zuletzt hatte Lagarde versichert, dass die Wirtschaft in der Eurozone das prognostizierte Wachstum von 3,9 Prozent im Jahr 2021 nach jetzigem Kenntnisstand erreichen könne. Nur, wenn viele Staaten ihre Lockdowns über März hinaus verlängern müssten, stünden die Wachstumsprognosen auf der Kippe. Das Inflationsziel der Notenbank liegt unverändert bei knapp zwei Prozent – und ist trotz Geldschwemme nicht näher gerückt: Im Dezember lag die Inflationsrate im Euro-Raum bei minus 0,3 Prozent.

Einstieg in den Ausstieg wird schwierig
Die EZB ist zu Recht bedächtig, sagt Otmar Lang, Chefvolkswirt der Targobank. Es gebe schließlich keinen verschärften Handlungsdruck, erst recht nicht, nachdem die Notenbank ihre Anleihekäufe im Dezember noch einmal ausgeweitet hat. Überdies sei der Ausblick – trotz der vielerorts verlängerten Lockdowns – durchaus positiv: "In der Eurozone sind die Impfungen angelaufen. Ein Brexit-Deal, wenn auch kein guter, ist unter Dach und Fach. Der Preisdruck in der Eurozone könnte im ersten Halbjahr 2021 wunschgemäß steigen. Und in den USA kommt wahrscheinlich ein Fiskalprogramm, das deutlich größer ausfallen wird als erwartet", zählt Lang auf.

Der Targobank-Chefökonom rechnet damit, dass die EZB ihre Geldpolitik erst dann neu ausrichtet, wenn sich die Pandemielage entspannt – frühestens also im Frühjahr, wenn es wärmer wird und mehr Menschen gegen Sars-CoV-2 geimpft sind. "Eine Rückführung der Anleihekäufe, wie in den USA bereits diskutiert wird, wäre aber vor Herbst nicht zu erwarten", prophezeit Lang. Unklar ist, ob die EZB ihre Bond-Käufe überhaupt zeitiger als geplant zurückfahren würde. Ein solcher Schritt könnte nämlich von Investoren als aggressiv interpretiert werden. "Schon jetzt zeichnet sich ab: Der Einstieg in den Ausstieg ist schwierig", resümiert der Ökonom mit Blick auf die ultralockere Geldpolitik.

Was sind "günstige Finanzierungsbedingungen"?
Auch Ulrike Kastens, Europa-Volkswirtin der DWS, findet das Vorgehen der EZB richtig, hätte sich aber in einigen Punkten mehr Klarheit gewünscht. Um wieder auf den Inflationspfad von vor der Covid-19-Pandemie zu kommen, seien günstige Finanzierungsbedingungen wichtig, erklärt Kastens. "Lagarde definierte eine Vielzahl von Indikatoren, die dazu zu Rate gezogen werden. Dennoch bleiben unserer Meinung nach Unklarheiten." So sei etwa nicht eindeutig, wie der Begriff "günstig" in den kommenden Monaten definiert wird, wenn die Konjunktur wieder anzieht und die Verbraucherpreise voraussichtlich moderat steigen.

"Insgesamt scheint sich die EZB mit der derzeitigen geldpolitische Ausrichtung wohl zu fühlen", kommentiert Kastens. Zugleich fahre sie weiter auf Sicht. "Richtungsweisende Entscheidungen dürften in der zweiten Jahreshälfte fallen, wenn auch die Ergebnisse der Strategieprüfung vorliegen", prognostiziert die DWS-Ökonomin. Angesichts der Inflationslage dürfte es geldpolitisch allerdings erst einmal so weitergehen wie bisher. (fp)