Trotz steigender Inflationsraten halten die Notenbanken die Zinsen weiterhin niedrig mit der Begründung, die Teuerung sei ein vorübergehendes Phänomen. Allerdings stellt Georg von Wallwitz, Geschäftsführer des Vermögensverwalters Eyb & Wallwitz, infrage, inwiefern Zentralbanken überhaupt eine große Wirkmacht in Bezug auf den Inflationsschutz haben. Würde Jerome Powell, Chef der US-Notenbank Fed, mögliche baldige Zinserhöhungen verkünden, kämen die Anleihemarkte ins Rutschen. Zinserhöhungen in der EU seien wiederum für die Staatshaushalte vieler Mitgliedsländer in der Eurozone auch mehr als zehn Jahre nach Beginn der Finanzkrise nicht verkraftbar. "Damit haben Notenbanken einen guten Teil ihrer Unabhängigkeit verloren", beklagt der Anlageexperte.

Anleger sollten Zentralbanken in ihrer Rolle allerdings weder über- noch unterschätzen, warnt von Wallwitz. Sie seien zwar wichtig für den Erhalt der Geldwertstabilität und der Liquidität der Finanzmärkte sowie in Krisenfällen oftmals der einzige Rettungsanker. "Langfristigen Trends stehen sie aber ebenso machtlos gegenüber wie die Regierungen." Dazu zählt der Vermögensprofi etwa die sinkenden Zinsen seit den 1990er-Jahren. Diese seien vor allem das Ergebnis zunehmender Globalisierung und der aktuellen demografischen Entwicklung.

Niedrige Zinsen, bleibende Inflationsrate
Für Anleger bedeutet die Entwicklung, dass die Zinsen noch länger niedrig bleiben als bislang angenommen, erklärt der Börsenprofi. In den USA könnte es bereits im Sommer 2022 zu ersten Zinsanhebungen kommen. "Es ist aber auch dort noch ein weiter Weg, bis die Zentralbank wirklich frei ist in ihren Entscheidungen." In Sachen Preisentwicklung rechnet von Wallwitz mit einer bleibenden Inflationsrate von zwei Prozent. Dabei seien Unternehmen im Vorteil, die ihre Preise nach oben anpassen können, etwa Handelsunternehmen. (fp)