Ein Schreckgespenst geht um in der Finanzwelt: Stagflation. Steigende Preise bei gleichzeitiger Kontraktion des Konjunkturzyklus. Auch wenn dies aktuell so manchen Investoren beschäftigt, ist Stagflation in erster Linie problematisch für die Geldpolitik, sagt Johannes Mayr, Chefvolkswirt bei Eyb & Wallwitz in einem Marktkommentar. Die Notenbanken stehen vor dem Problem, dass die steigende Inflation einerseits für eine Straffung ihrer Finanzierungskonditionen spricht. Andererseits spricht die Gefahr einer neuerlichen Rezession für eine Lockerung. "Mit nur einem zentralen Steuerungsinstrument ist eine Zielverfehlung vor allem für Notenbanken mit einem doppelten Mandat dann kaum zu vermeiden", sagt Mayr. 

Damit stehen die Währungshüter seiner Ansicht nach vor zwei schlechten Alternativen: eine höhere Inflation zu tolerieren oder eine neuerliche Rezession zu riskieren. Vor diesem Hintergrund erklärt sich auch die enorme Unsicherheit an den Finanzmärkten und unter den Investoren. Mayr analysiert in seinem Makroausblick unterschiedliche Anlegerszenarien: Eine schwächelnde Konjunktur im Winterhalbjahr, Dienstleistungen, die von einer erneuten Covid-Welle ausgebremst werden, ein anhaltender Materialmangel in der Industrie, eine schwächere Nachfrage aus China sowie weiter steigende Rohstoffpreise. 

Zweitrundeneffekte ausschlaggebend
Mayr kommt zu dem Schluss, dass die Notenbanken keine andere Wahl haben, als vorsichtig auch ein längeres und stärkeres Überschießen der Inflation in Kauf zu nehmen. Das bereits für November angekündigte Tapering der Fed sieht er zwar als realistisch an, doch werde es über diesen moderaten Eingriff hinaus keine nennenswerten Straffungs- und Zinspfade geben. 

Das zentrale Risiko hingegen ist laut seiner Analyse der Zweitrundeneffekt, also Preiserhöhungen als Reaktion auf vorangegangene Kostensteigerungen: "Deshalb sollte der Blick von Investoren in den kommenden Monaten weniger auf die Höhe der Inflation und die Stärke der Rohstoffpreisanstiege gerichtet werden, sondern vor allem auf die Entwicklung der mittelfristigen Inflationserwartungen von Unternehmen, Haushalten und Analysten sowie die Lohndynamik abstellen", sagt Mayr. (fp)