Experte ordnet ein: Droht eine Ölkrise wie 1973?
Trotz stark steigender Ölpreise und der Eskalation im Nahen Osten hält Christian Schwab von Rothschild & Co. Wealth Management Deutschland eine Wiederholung der Ölkrise von 1973 für unwahrscheinlich. Weltwirtschaft und Kapitalmärkte seien heute deutlich robuster aufgestellt.
Seit Beginn der koordinierten Angriffe auf den Iran im Februar 2026 hat sich der Preis für Brent-Rohöl nahezu verdoppelt. Der Preis pro Barrel stieg von rund 60 US-Dollar zu Jahresbeginn auf etwa 110 US-Dollar. Damit wachsen die Sorgen vor den Folgen hoher Energiepreise für Weltwirtschaft und Finanzmärkte. Christian Schwab, Leiter des Portfoliomanagements bei Rothschild & Co. Wealth Management Deutschland, hält direkte Parallelen zur Ölkrise der 1970er-Jahre jedoch für überzogen, wie er in einem Marktkommentar ausführt.
"In den 1970er-Jahren war die Weltwirtschaft deutlich stärker von Industrie und Öl abhängig als heute", so Schwab. Gleichzeitig hätten viele Volkswirtschaften bereits unter hoher Inflation gelitten, die durch starke Nachfrage und kräftige Lohnsteigerungen weiter angeheizt worden sei. "Die Gewerkschaften hatten damals erheblich mehr Einfluss und konnten höhere Löhne leichter durchsetzen. Der Ölpreisschock verstärkte diese Entwicklung zusätzlich und führte zu einer langen Phase der Stagflation", schreibt der Experte.
Andere Ausgangslage
Heute sei die Ausgangslage eine andere. Die Wirtschaft wachse in vielen Ländern nahe ihrer langfristigen Trends. Zwar liege die Inflation noch über den Zielwerten der Zentralbanken, sie sei aber deutlich besser kontrollierbar als damals. Zudem würden die Löhne moderater steigen. Auch die geringere Bedeutung von Gewerkschaften spiele dabei eine Rolle: Während in den 1970er-Jahren noch rund 38 Prozent der Arbeitnehmer in den Staaten der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) gewerkschaftlich organisiert waren, seien es heute nur noch etwa 15 Prozent.
Zudem habe sich die Bedeutung von Öl deutlich verändert. 1973 habe Öl etwa die Hälfte des Energieverbrauchs ausgemacht und es habe kaum praktikable Alternativen oder strategische Reserven gegeben. "Im Gegensatz dazu entfällt heute nur noch knapp ein Drittel des weltweiten Energieverbrauchs auf Öl", berichtet Schwab. "Erdgas, Kernkraft und erneuerbare Energien spielen eine weitaus bedeutendere Rolle. Strategische Erdölreserven werden aktiv koordiniert und bieten einen beträchtlichen Puffer." Auch die sogenannte Ölintensität der Wirtschaft sei deutlich gesunken. Für die Erwirtschaftung von 1.000 US-Dollar Wirtschaftsleistung werde heute weltweit erheblich weniger Öl benötigt als noch vor 50 Jahren.
Aktienmärkte heute anders zusammengesetzt
Zusätzlich habe sich die Struktur der Kapitalmärkte grundlegend verändert. In den 1970er-Jahren hätten Industrie-, Energie- und Telekommunikationsunternehmen die großen Aktienindizes dominiert. Unternehmen wie Exxon, Ford oder General Motors seien direkt von steigenden Energiepreisen abhängig gewesen. Doch die heutigen Indizes sähen ganz anders aus: "Die zehn größten Aktien machen rund 40 Prozent der wichtigen US-Indizes aus. Diese Mega-Cap-Technologie- und Plattformunternehmen hängen vielmehr von Software, Daten und geistigem Eigentum ab als von Rohstoffen", erklärt Schwab. Dadurch seien Aktienmärkte heute deutlich robuster gegenüber Ölpreisschocks. Gleichzeitig nähmen andere Einflussfaktoren wie Zinsentwicklung, Regulierung und Bewertungen an Bedeutung zu.
Technologie- und Finanzunternehmen würden deutlich weniger Energie als klassische Industrieunternehmen benötigen. Zudem verfügten sie häufig über höhere Skalierbarkeit und stärkere Preissetzungsmacht. "Höhere Energiepreise belasten Unternehmensgewinne heute weniger direkt als früher", sagt Schwab. "Deshalb spiegeln höhere Bewertungen vielfach robustere Geschäftsmodelle wider und nicht nur Optimismus." Gleichzeitig warnt er davor, Risiken vollständig auszublenden. Eine weitere Eskalation im Nahen Osten oder dauerhaft hohe Energiepreise könnten das globale Wachstum durchaus belasten.
Auswirkungen auf das Portfolio: Ruhe bewahren
Schwabs Einschätzung der aktuellen Situation lautet: "Die Märkte ignorieren den Krieg nicht, aber sie bewerten ihn als inflationsfördernden Gegenwind und nicht als systemische Krise."
Für langfristige Anleger bleibe Disziplin entscheidend, betont Schwab: "Zwar hat der Nahostkonflikt die Marktvolatilität erhöht und die Inflations- und Zinserwartungen in die Höhe getrieben, doch zeigt die Geschichte, dass diese Faktoren eher kurzfristiger Natur sind. Im Laufe der Zeit haben die Märkte immer wieder gezeigt, dass sie geopolitische Schocks absorbieren und sich wieder auf Fundamentaldaten wie Gewinnwachstum, Innovationskraft und Bilanzstärke konzentrieren. Vor diesem Hintergrund bleiben wir wachsam und beobachten die Risiken, nutzen aber auch Chancen, die durch die Volatilität entstehen. Denn Phasen schwankender Märkte sind immer auch eine Gelegenheit zur Neugewichtung von Portfolios." (fp)















