Die ultralockere Geldpolitik der vergangenen Dekade war die gravierendste Fehlentscheidung, die die Europäische Zentralbank (EZB) in ihrem 20-jährigen Bestehen getroffen hat. Das schreibt der ehemalige EZB-Chefökonom Jürgen Stark in einem Gastbeitrag für die "Neue Zürcher Zeitung" (NZZ). Der Grund: Negativzinsen und Quantitative Easing haben seiner Ansicht nach das Verhalten von Politikern und Marktteilnehmern nachhaltig negativ beeinflusst.

"Wirtschaftsakteure und Marktteilnehmer wurden unter anderem über eine Portfolioreallokation ins wirtschaftliche und finanzielle Risiko gedrängt", schreibt Stark. Außerdem haben die Zentralbankinterventionen die Märkte aus dem Gleichgewicht gebracht – ein Effekt, den die Währungshüter dem Ökonomen zufolge völlig ignoriert haben. "Die EZB ist damit längst selbst zu einem Risiko für die Finanzstabilität geworden", so Stark.

Fehldiagnose begünstigte Niedrigzinspolitik
Der Volkswirt bezweifelt, dass jemals eine reale Deflationsgefahr im Euro-Raum bestand. "Bereits 2014 war erkennbar, dass der starke Rückgang der Inflationsrate vor allem durch den Kollaps der Rohstoffpreise bedingt war", erklärt er.

Später begründete man die Fortsetzung der expansiven Geldpolitik damit, dass die Inflation über einen zu langen Zeitraum niedrig gewesen sei und die Inflationsrate sich ‚nachhaltig dem Inflationsziel anpassen‘ müsse. "Dabei bestand doch Preisstabilität, und die Inflationserwartungen zeigten weder Deflations- noch Inflationstendenzen", so Stark.

"Geldpolitische Geisterfahrt"
Wer auch immer Mario Draghi am 1. November 2019 nachfolge, seine Politik werde wegen des Paradigmenwechsels lange über seine Amtszeit hinaus wirken. "Die geldpolitische Geisterfahrt wird mit seinem Ausscheiden nicht enden. Der Spielraum für eine rasche Politikänderung geht gegen null, wenn man den wirtschaftlichen Abschwung, die Risiken auf den Finanzmärkten, die fortschreitende Zombifizierung von Banken und Unternehmen und die hohe Staatsverschuldung des Euro-Raums mit in den Blick nimmt", so Starks Schlussfolgerung. (fp)