Mit dem nahenden Jahresende meldet sich ein alter Bekannter zurück: der Brexit. Zurzeit versuchen Brüssel und London, die letzten Hürden zu beseitigen, die einem gemeinsamen Handelsabkommen im Weg stehen. Wenn es nach Großbritanniens Premierminister Boris Johnson geht, sollen die Details des Ausstiegsvertrags bis zum 15. Oktober geklärt sein. Dass dies gelingen wird, hält Volker Schmidt, Portfoliomanager bei Ethenea, allerdings für unwahrscheinlich. "Das Ergebnis der Verhandlung und die letztliche Ausgestaltung des Austrittvertrages ist völlig ungewiss, darüber lässt sich nur spekulieren", sagt er.

Klare Aussagen lassen sich bisher lediglich über den Zustand der britischen Wirtschaft treffen. Und der ist desolat, warnt der Investmentprofi. Die Wirtschaftsleistung des Vereinigten Königreichs sank im zweiten Quartal gegenüber dem Vorquartal um 20,4 Prozent und lag damit deutlich unter dem Durchschnitt der Eurozone. Schuld daran sei auch das schlechte Corona-Management der britischen Politik gewesen, sagt Schmidt. "Viel zu spät wurden wirkungsvolle Maßnahmen ergriffen und auch die Wiederöffnung erfolgte zu schleppend", urteilt er.

EU-Austritt könnte Großbritannien ins Chaos stürzen
Die wachsende Arbeitslosigkeit, der Stellenabbau insbesondere im Einzelhandel und im Unterhaltungssektor sowie strengere Standards bei der Kreditvergabe an Hauskäufer – all das sind laut Ethenea Anzeichen dafür, dass die britische Wirtschaft auch im kommenden Jahr, nach dem Brexit, mit signifikanten Problemen zu kämpfen haben wird. Zudem hat die Bank of England den Leitzins bereits im März auf 0,1 Prozent gesenkt. Dafür gab es zwar valide Gründe, sagt Schmidt. Die Zentralbank hat nun aber nicht mehr viel Spielraum für weitere Zinssenkungen. Der Portfoliomanager erwartet dennoch, dass die britische Notenbank den Leitzins im Zuge des Brexits auf bis zu minus 0,5 Prozent drücken könnte.

Dass die Briten aufgrund aller wirtschaftlichen Schwierigkeiten nun auf eine gemäßigtere Linie bei den Brexit-Verhandlungen einschwenken, hält Schmidt für unwahrscheinlich: "Es ließe sich zwar argumentieren, dass die schwierige wirtschaftliche Lage die Verhandlungsteilnehmer zu einer gütlichen Einigung treiben sollte. Andererseits bietet sich den britischen Politikern eine günstige Gelegenheit, die Folgen verfehlter Brexit-Verhandlungen einfach auf die Auswirkungen der Corona-Krise zu schieben." (fp)