Der erfahrene Wall-Street-Stratege Ed Yardeni erwartet, dass sinkende Ölpreise die Renditen von US-Staatsanleihen auf den niedrigsten Stand seit über einem Jahr drücken könnten. Die Rendite zehnjähriger US-Treasuries könne von derzeit etwa 3,97 Prozent auf 3,75 Prozent fallen – vorausgesetzt, der Ölpreis fällt weiter und die US-Notenbank senkt in der kommenden Woche die Leitzinsen, so Yardeni.

Seine Einschätzung beruht auf der langfristigen Korrelation zwischen Öl und Anleiherenditen – beide hängen über den Einfluss des Ölpreises auf die Inflation eng zusammen.

Überangebot und Konjunktursorgen drücken Ölpreise
"Ein wachsendes Überangebot an Öl und die Angst vor einer weltweiten Konjunkturabkühlung haben die Preise für West Texas Intermediate auf den niedrigsten Stand seit dem Wiederanstieg der Treibstoffmärkte nach dem Corona-Crash gedrückt", schrieb Yardeni Research in einer Analyse von Montag (20.10.). "Das wird helfen, die Verbraucherpreisinflation zu senken und die Kaufkraft der Haushalte zu stärken."

Die Kurse von US-Staatsanleihen haben zuletzt von der Erwartung weiterer Zinssenkungen profitiert. Zudem belasten Sorgen um kleinere US-Banken die Risikofreude der Investoren. Die Rendite der zehnjährigen Treasuries liegt derzeit rund 18 Basispunkte niedriger als zu Monatsbeginn.

Anzeichen für "Soft Landing"
Seit Jahresanfang ist der Preis für Rohöl-Futures von über 80 auf unter 58 US-Dollar je Barrel gefallen. Auch die Renditen zehnjähriger US-Anleihen haben im Jahresverlauf nachgegeben.

Bemerkenswert ist laut Yardeni, dass Anleihen- und Aktienkurse derzeit parallel zulegen – ein seltenes Zusammenspiel, das darauf hindeutet, dass Anleger auf eine sanfte Abkühlung der Wirtschaft setzen, die die Inflation dämpft, ohne eine Rezession auszulösen.

"Goldlöckchen"-Szenario rückt in Reichweite
Ein weiterer Rückgang der Ölpreise könnte die Staatsanleihenmärkte weiter stützen. Geringere Energiekosten würden den Inflationsdruck weiter abschwächen und der US-Notenbank mehr Spielraum für Zinssenkungen geben.

Ein solches Umfeld könnte laut Yardeni die "Goldlöckchen"-Phase verlängern – also eine Marktphase, in der Wachstum stabil bleibt, Inflation sinkt und sowohl Aktien als auch Anleihen profitieren. (mb/Bloomberg)