Der Höhepunkt der Finanzkrise liegt nun zehn Jahre zurück. So lange hatte die Weltwirtschaft Zeit, sich zu erholen. Noch ist längst nicht wieder alles im Lot, sagt Martin Moryson, erst seit wenigen Wochen neuer Chefökonom beim Fondsanbieter DWS. Man sollte sich allerdings davor hüten, alles, was aktuell schiefläuft, als Folge der Krise zu werten. "Die Welt ist selten monokausal, und auch die Finanzkrise ist kein singuläres Ereignis, das losgelöst von der übrigen Entwicklung zu betrachten ist", betont Moryson.

So liegt etwa die merhjährige Wachstumsrate bei normaler Auslastung der Produktionskapazitäten in den Industriestaaten heute niedriger als vor der Finanzkrise. Das Produktionspotenzial wird vor allem durch drei Faktoren bestimmt, erklärt Moryson: Demografie, Erwerbsbeteiligung und Produktivitätswachstum. Bei den beiden letzten Faktoren sind die Schockwellen der Krise noch immer zu spüren. Auf die Demografie hatte sie dagegen keinen Einfluss.

Die Welt wächst langsamer
Schwer zu messen sind die politischen Auswirkungen der Krise. Der Frust über das "Versagen der Eliten" hat zu Reaktionen wie dem Brexit und der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten geführt. Das Vertrauen in Experten ist erodiert, Verschwörungstheorien finden immer mehr Anhänger. "Es zeigt sich, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen den Wachstumsverlusten aus der Finanzkrise und dem Abschneiden populistischer Parteien", so der Volkswirt.

Generell rechnet Moryson damit, dass sich der ungewöhnlich lange Konjunkturaufschwung weiter fortsetzen wird, eben weil der Abschwung so tief und die darauffolgende Erholung so zaghaft war. "Derzeit befindet sich faktisch die gesamte Weltwirtschaft in einem Aufschwung. So gesehen war die Finanzkrise ein großer Konjunktursynchronisator", sagt der DWS-Mann. Insgesamt wird man sich aber an ein schwächeres Wachstum gewöhnen müssen. (fp)