Die Europäische Zentralbank (EZB) jagt bereits eine ganze Weile ihrem Inflationsziel von knapp zwei Prozent hinterher. Wer einen Blick auf die jüngsten Zahlen wirft, sieht schnell: Diese Jagd noch lange nicht vorbei. Die Coronakrise wirkt sogar eher deflationär. Trotzdem ergreift die EZB nicht genügend Maßnahmen, um die offizielle Teuerungsmarke rasch zu erreichen, kritisiert Peter De Coensel, Chef-Anleihenstratege beim Vermögensverwalter Degroof Petercam (DPAM). Er ist der Meinung, dass die Notenbank mehr präventiv statt reaktiv handeln sollte. Das Basisszenarios zeige einen Inflationsdruck von 0,3 Prozent für 2020, von 1,0 Prozent für 2021 und von 1,3 Prozent für 2022, rechnet er vor. Und unterstreicht: "Während dieses Projektionszeitraums wird das Inflationsziel nicht erreicht."

Im günstigsten Szenario würde das Inflationsziel der Notenbank im Jahr 2022 erreicht. Dieses Szenario setzt jedoch voraus, dass bis spätestens Anfang kommenden Jahres ein Impfstoff gegen das Coronavirus bereitsteht. Das ist eher unwahrscheinlich, sagt De Coensel. Er befürchtet daher, dass die Verbraucherpreisinflation in zwei Jahren gerade einmal bei 0,7 Prozent liegt. "Wenn die EZB ihre Reputation erhalten will, werden mehr Anreize erforderlich sein", sagt er. Die Anleihekäufe und negativen Einlagenzinsen reichen seiner Ansicht nach nicht aus, um die Inflation in Gang zu bringen: "Selbst angesichts solcher Anreize kommt die EZB ihrem Auftrag nicht nach."
 
Notenbank muss alle Register ziehen
Die umfangreichen Kaufprogramme der Zentralbanken lassen zwar die Inflationserwartungen steigen. "Das stimmt auch weiterhin. Jedoch werden für die Eurozone die gegenwärtigen Anstrengungen nicht ausreichen. Andere politische Hebel müssen angepasst werden", sagt De Coensel. Dazu gehören seiner Ansicht nach eine weitere Senkung des Einlagenzinssatzes sowie die Fortsetzung der Anleihenkäufe über das bisher angepeilte Enddatum hinaus. "Auch weitere Optionen müssen untersucht werden", fordert der DPAM-Stratege. "Tatsache ist, dass die von den Experten der EZB erstellten Wirtschaftsprognosen heute und nicht erst morgen Maßnahmen erfordern." (fp)