Der designierte Chef der US-Notenbank, Kevin Warsh, erwartet offenbar, dass künstliche Intelligenz (KI) die Inflation dämpfen und das Wachstum antreiben wird, ähnlich wie es die Informationstechnologie in den Jahren um die Jahrtausendwende getan hat. Darauf verweisen Bernd Weidensteiner und Christoph Balz aus dem Economic Research der Commerzbank. Mit diesen Hoffnungen auf eine Wiederkehr der New Economy wolle Warsh in der Fed offenbar deutliche Zinssenkungen durchsetzen. Das könnte ihrer Meinung nach ein Fehler sein.

Klares politisches Mandat
"Donald Trump hat klargemacht, dass er vom designierten Notenbank-Chef Kevin Warsh deutliche Zinssenkungen erwartet, sobald dieser im Mai das Ruder bei der Fed übernimmt", schreiben die Ökonomen in einem aktuellen Research-Bericht. Hierfür seriöse Gründe zu finden, sei angesichts einer Inflationsrate von etwa drei Prozent und einer relativ niedrigen Arbeitslosenquote allerdings nicht einfach.

Die Vermutung der Commerzbank-Experten: "Warsh wird wohl den zunehmenden Einfluss künstlicher Intelligenz auf die US-Wirtschaft als hauptsächliches Argument nutzen." In einem Meinungsartikel im "Wall Street Journal" schrieb Warsh bereits im November: "KI wird eine bedeutende deflationäre Kraft sein, die die Produktivität steigert und die Wettbewerbsfähigkeit der USA stärkt."

New Economy als Vorbild
"Offensichtlich setzt Warsh darauf, dass KI eine ähnliche Wirkung hat wie die Fortschritte der Informationstechnologie um die Jahrtausendwende", so Balz und Weidensteiner. Damals war die US-Wirtschaft auch wegen eines massiven Anstiegs der Produktivität deutlich stärker gewachsen als dies zuvor allgemein erwartet wurde.

Die Autoren sehen zwar durchaus einige Parallelen zu damals. Letztlich komme es aber auf einige entscheidende Unterschiede an. Eine wichtige Voraussetzung für die New Economy war ihrer Meinung nach in den 1990er Jahren das damalige günstige Umfeld. "Dieses sieht jetzt weniger einladend aus: Demografie, De-Globalisierung oder die überhöhten Staatsschulden sprechen im Gegensatz zu den 1990er Jahren jetzt nicht mehr für eine disinflationäre Entwicklung. Gleichzeitig ist die produktivitäts- und damit wachstumstreibende Wirkung von KI bisher eher eine Prognose als eine Tatsachenbeschreibung."

Zu expansive Geldpolitik
Die beiden Experten warnen: "Wenn der designierte Fed-Chef Kevin Warsh darauf setzt, dass KI seine Inflationsprobleme löst, begeht er wohl einen Politikfehler." Sie erwarten, dass er bis Frühjahr 2027 Zinssenkungen um 100 Basispunkte durchsetzen kann. Damit dürfte die Geldpolitik ihrer Meinung nach aber zu expansiv werden und Inflationsrisiken schaffen. (jh)