Ölpreisschocks ziehen meist nur moderate Auswirkungen auf die Anleihenmärkte nach sich. Doch es gibt Ausnahmen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Analyse von Veronika Herzberger, Leiterin Fixed Income Solutions in der Vermögensverwaltung der Commerzbank, die FONDS professionell exklusiv vorliegt. Die Expertin und ihr Team werteten die historische Entwicklung von Ölpreisen und die Folgen auf die Kapitalmärkte aus (siehe Grafik, zum Vergrößern auf die Lupe klicken!).

Demnach steigen vor allem bei Staatsanleihen die Renditen, wenn der Ölpreis klettert. "Sowohl die Renditen zehnjähriger US-Staatsbonds als auch diejenigen zehnjähriger Bundespapiere ziehen bereits in der Phase des Ölpreisanstiegs an", erläutert Herzberger. Ursache sei die frühzeitige Anpassung der Inflationserwartungen. "Die Reaktion der Zinskurven ist damit weitgehend vorweggenommen, noch bevor der Ölpreisschock sein Maximum erreicht."

Langsame Reaktion
Ganz anders verlaufe die Entwicklung bei Unternehmensbonds. "Die Risikoaufschläge reagieren deutlich verzögert und im historischen Durchschnitt wesentlich moderater", erläutert die Rentenexpertin. Der Anstieg bleibe zunächst begrenzt, solange der Ölpreisschock nicht in einen breiten wirtschaftlichen Abschwung übergehe. "Erst wenn sich eine konjunkturelle Eintrübung abzeichnet, steigen die Credit Spreads ausgeprägter", so Herzberger. "In Phasen, in denen das Wachstum robust bleibt oder sich rasch stabilisiert, zeigen sich die Spreads erstaunlich widerstandsfähig."

Insgesamt zeige die Performance über alle Anleihenmärkte hinweg nur eine gedämpfte Reaktion auf Ölpreisschocks. "Der Zinsanstieg belastet zwar zunächst über Kursverluste, doch laufende Kupons und mittelfristig teilweise rückläufige Renditen kompensieren einen Teil dieser Einbußen", führt die Strategin aus. Ölpreisschocks seien für die langfristige Wertentwicklung von Anleihen somit weniger gravierend.

Negative Phase für Anleihen
"Allerdings gibt es zwischen den einzelnen Phasen deutliche Unterschiede", schränkt die Commerzbank-Managerin ein. "Die Phase rund um den Russland-Ukraine-Krieg beispielsweise war aus Investorensicht klar negativ: Der Ölpreisschock traf auf eine bereits steigende Inflation in einem Nullzinsumfeld." Als Reaktion kletterten die Renditen kräftig, Spreads weiteten sich, was zu negativen Effekten für Bonds führte. Andere Episoden wie der Irak-Krieg 2003 oder der Arabische Frühling 2011 waren dagegen neutral bis positiv für viele Anleihenmärkte.

"Über alle Episoden hinweg zeigt eine Analyse der Risikoaufschläge von Unternehmensanleihen seit 1970, dass deutliche Anstiege nur selten unmittelbar durch die Ölpreise ausgelöst werden", erläutert die Bond-Analystin. "Sie treten vielmehr dann auf, wenn Ölpreisschocks mit systemischen Krisen oder abrupten Konjunkturumschwüngen zusammenfallen." Ein Ölpreisanstieg sei also eher ein Auslöser oder ein Katalysator.

Blockade des Öltransports
Vor diesem Hintergrund sei das aktuelle Umfeld bemerkenswert. Die Blockade der Straße von Hormus beeinträchtigt den globalen Schiffsverkehr. "Die Ölpreise sind gestiegen, die Inflationssorgen kehren zurück", stellt Herzberger fest. "Gleichwohl fällt die Reaktion der Märkte sehr unterschiedlich aus." Langfristige Renditen im Euroraum seien gestiegen. Anleihenmärkte hätten damit die erhöhten Inflationserwartungen bereits sichtbar eingepreist.

"Demgegenüber signalisieren Aktien und andere Risiko-Assets eine erstaunliche Gelassenheit", ergänzt die Rentenstrategin. Besonders auffällig sei das Bild bei Unternehmensanleihen. "Sektorübergreifend liegen die europäischen Risikoaufschläge in Summe sogar tiefer als vor dem Ölpreisanstieg", berichtet Herzberger. "Die Marktpreise spiegeln insgesamt eher die Hoffnung auf ein überschaubares, temporäres Ereignis als die Furcht vor einer breiten Wachstumsbremse wider."

Bei Bonds nicht sparen
Vor diesem Hintergrund erscheine es sinnvoll, Rentenpapiere im Portfolio nicht zu knapp zu gewichten und besonders qualitativ hochwertige Staatsanleihen als Stabilitätsanker zu nutzen, so die Commerzbank-Strategin. Sie würden von dem heute höheren Renditeniveau profitieren, in Stressphasen eine historisch verlässliche Diversifikation bieten und als gutes Mittel erscheinen, um Risiken abzusichern, "ohne das Ertragspotenzial vollständig aus den Augen zu verlieren", folgert Herzberger. (ert)