An der Börse wechseln sich Phasen, in denen kurzfristige Trends, Liquidität und Narrative dominieren, mit Perioden ab, in denen Fundamentaldaten und strukturelle Stärke an Bedeutung gewinnen. In einer solchen Übergangsphase sieht Mark Schumann, Fondsmanager für europäische Aktien bei Comgest, den europäischen Aktienmarkt, wie er in einem jüngst veröffentlichten Marktkommentar schreibt. Schumann glaubt, dass qualitativ hochwertige Wachstumstitel stärker in den Fokus treten werden.

2025 sieht er rückblickend als ein außergewöhnliches Börsenjahr, in dem klassische Qualitäts- und Wachstumsaktien trotz stabiler Fundamentaldaten zeitweise deutlich hinter Value-Titeln zurückblieben. Der Bewertungsunterschied zwischen Value- und Qualitäts- respektive Growth-Aktien in Europa lag zeitweise bei über 20 Prozent. "Hinter dieser Entwicklung verbergen sich jedoch einige Besonderheiten", erklärt Schumann. "Ein Blick auf den MSCI Europe zeigt: Die Performance von 19 Prozent im vergangenen Kalenderjahr wurde zu 75 Prozent von Bewertungsausweitungen getragen, steigende Unternehmensgewinne steuerten lediglich zehn Prozent bei." Angesichts der hohen Kursniveaus wachse aber auch die Nervosität, wie zuletzt schon die Turbulenzen bei Software-Aktien zeigten.

Kurs- von Gewinnentwicklung abgekoppelt
Vor diesem Hintergrund sind verstärkt klassische Industrien mit stabilen Fundamentaldaten gefragt. Gleichzeitig habe sich die Kursentwicklung von Qualitätsaktien deutlich von ihrer Gewinnentwicklung abgekoppelt – und genau das eröffnet seiner Meinung nach günstige Einstiegsgelegenheiten für langfristige Anleger. "Wenn Bewertungen nicht mehr durch Gewinne, sondern durch Stimmung getrieben werden, entstehen Verzerrungen", sagt der Comgest-Experte. "Solche Phasen sind nicht neu, sie schaffen aber regelmäßig Situationen, in denen Qualität vom Markt übersehen wird." 

Für ihn sind Qualität und langfristiges Wachstum untrennbar miteinander verbunden. Hohe Markteintrittsbarrieren, Preissetzungsmacht, skalierbare Geschäftsmodelle, überdurchschnittliche Kapitalrenditen, stabile Cashflows und solide Bilanzen seien die Grundlage für strukturelles Wachstum – unabhängig von kurzfristigen Konjunkturzyklen. "Langfristig sind es nicht Bewertungsmultiplikatoren oder Marktstimmungen, die Aktienkurse treiben. Bewertungsniveaus sind volatil, Dividenden vergleichsweise stabil, entscheidend für die nachhaltige Wertentwicklung sind vielmehr die künftigen Erträge der Unternehmen."

Europas Unternehmen profitieren von KI-Einsatz
Dabei sieht Schumann Stärken in Europa unter anderem im Bereich künstlicher Intelligenz (KI): "Die Bewertungen vieler US-Unternehmen wurden lange durch KI-Fantasien getrieben." Nun rücke bei Investoren eher die Frage in den Mittelpunkt, wie mit KI tatsächlich Geld zu verdienen ist. Und wenn es um konkrete Erträge und Wachstum durch den produktiven Einsatz von KI-Lösungen gehe, überzeugen ihn auch Unternehmen aus Europa. Wie etwa die niederländische ASML oder das französische Unternehmen Schneider Electric. Beide Unternehmen zählt Schumann zu den "Enablern" der künstlichen Intelligenz, sie profitierten strukturell von dieser Entwicklung.

Für Schumann steht fest: "Letztlich entscheidet die Qualität eines Unternehmens darüber, ob es solche Opportunitäten erfolgreich monetarisieren kann. Qualität dürfte daher wieder stärker in den Mittelpunkt rücken. In den Bewertungen spiegelt sich das noch nicht vollständig wider. Genau deshalb ist jetzt die Zeit, Qualität zu kaufen." (jh)