Es ist paradox: Obwohl die geopolitischen Spannungen in der Golfregion eskalieren, ein ungeordneter Brexit droht und die Konjunkturdaten nachgeben, erklimmen die Aktienmärkte immer neue Rekordstände. Gleichzeitig sind die Renditen von Staatsanleihen abrupt zurückgegangen – was normalerweise Angst statt Optimismus signalisiert. Wie kann es sein, dass sich die Marktentwicklung derart entkoppelt? "Eine Sichtweise ist, dass die Aktienmärkte größer sind und zukunftsgerichtete Informationen über Tausende von Einzelunternehmen beinhalten", sagt Toby Nangle, Investmentprofi bei Columbia Threadneedle.  

Im Umkehrschluss hieße das: Die Anleihemärkte liegen schlicht falsch, und die Wirtschaftsdaten werden die Talsohle bald durchlaufen haben. Welche Philosophie im Recht ist, wird sich zeigen. Die bedeutsamste Erkenntnis aus der aktuellen Entwicklung ist für Nangle eine andere: Die Diskrepanz zeige, dass "entweder der Anleihe- oder der Aktienmarkt vor einem kräftigen Einbruch steht", sagt der Anlageprofi. Sollten die Aktienmärkte irren, würden vor allem klamme Kreditnehmer in die Bredouille geraten, deren Überleben davon abhängt, dass das Wirtschaftswachstum anzieht. "Wir wollen das als Japanifizierung der Welt bezeichnen", sagt Nangle.

Kurs-Gewinn-Verhältnisse werden größer
Risiken bestehen für ihn vor allem in zweierlei Hinsicht: Erstens würde ein Gewinnrückgang die Aktienmärkte in Aufruhe versetzen. Zwar kühlt sich die Konjunktur ab, ihre Gewinnprognosen für 2020 haben die Unternehmen aber noch nicht zurückgefahren. Zweitens tendieren die Aktienkurse bislang auch ohne Gewinnsteigerungen nach oben, weil die KGVs zunehmen. Nangler zufolge lasse sich dies aber vor allem auf die rückläufigen Anleiherenditen zurückführen. "Ob sich die KGVs auf historisch hohem Niveau halten können, falls die vier in die Bewertung von US-Staatsanleihen eingepreisten Zinssenkungen ausbleiben sollten, bleibt abzuwarten." (fp)