In China sorgt ein Kunstdiebstahl enormen Ausmaßes für Aufsehen. Rund 90 Werke von Anselm Kiefer, 152 Gemälde von Markus Lüpertz und 103 Exponate von Renate Graf sind seit vielen Monaten spurlos verschwunden, berichtet die "Neue Zürcher Zeitung" (NZZ). Die Bilder mit einem geschätzten Gesamtwert von 300 Millionen Euro stammen aus dem Besitz der in Taiwan geborenen deutschen Sammlerin Maria Chen-Tu. Das Pikante dabei: Die dafür zuständige Kriminalpolizei in Peking weigert sich, aktiv zu werden.

Vor drei Jahren waren die Kunstwerke von Lüpertz, Graf und Kiefer in vielbeachteten Ausstellungen in Großstädten wie Peking, Schanghai und Wuhan gezeigt worden. Der Chinese Ma Yue wandte sich daraufhin an Chen-Tu, weil sie im Besitz der weltweit umfassendsten Sammlung von Kiefers Werken ist. Er stellte ihr die Organisation weiterer Vernissagen in China in Aussicht – und Chen-Tu stimmte zu.

Die Exponate befanden sich wie international üblich zwischen den Ausstellungen in einem zollfreien Lager. Die Bilder mussten allerdings alle sechs Monate außer Landes geschafft und anschließend wieder zurückgebracht werden, um Zollkosten zu vermeiden. Diesen Umstand machte sich Ma mutmaßlich zunutze, fälschte die Papiere und gab sich als Eigentümer aus.

Kriminalpolizei will nicht aktiv werden
Als Chen-Tu die Exponate für eine Ausstellung in München zurückforderte, weigerte sich ihr chinesischer Partner. Daraufhin erstattete sie Anzeige bei der Kriminalpolizei in Peking. Doch diese ließ sie wissen, dass sie nur aktiv werden könne, wenn Chen-Tu beweise, dass Ma die Werke, die er sich widerrechtlich angeeignet habe, verkauft und dafür Geld erhalten habe. Der Beschuldigte darf zwar China nicht verlassen, kann sich in seiner Heimat jedoch frei bewegen. Chen-Tu muss sich allerdings den Vorwurf gefallen lassen, fahrlässig und naiv gehandelt zu haben, da keine Verträge existieren, sondern alles nur über den Nachrichtendienst Wechat abgewickelt wurde.

Mittlerweile soll der mutmaßliche Betrüger bereits versucht haben, einen Teil der Sammlung zu Geld zu machen. Doch niemand weiß, wo sich die Gemälde befinden. Der Künstler Lüpertz hat sich inzwischen laut einem ARD-Bericht höchstpersönlich auf den Weg nach Peking gemacht, um den Verbleib seine Arbeiten aufzuklären. Der Vorfall dürfte für Sammler rund um den Globus eine Warnung sein, sich gegenüber chinesischen Geschäftspartnern nicht zu vertrauensselig zu sein und sich rechtlich abzusichern. (mb/ps)