Chefvolkswirt: Größere Gefahr als nach dem "Liberation Day"
Die Drohung der USA, wegen des Grönland-Streits zusätzliche Zölle gegen europäische Länder zu erheben, könnte weltweit weitreichende ökonomische Folgen haben. Wie stark diese ausfallen, hängt von der Reaktion der EU und der Finanzmärkte ab, meint der Chefvolkswirt von Allianz Global Investors.
Indem sie den Grönland-Streit mit der Ankündigung von Zöllen gegen Deutschland und sieben weitere europäische Länder in Höhe von zehn Prozent verbinden, schaffen die USA eine erhebliche wirtschaftliche Bedrohung, schreibt Christian Schulz, Chefvolkswirt von Allianz Global Investors, in einem aktuellen Marktkommentar. Denn damit steige das Risiko, dass sich eine gezielte Maßnahme schnell zu einem "systemischen Schock" ausweitet.
Es droht Schulz zufolge ein weltweiter Handelskrieg, falls die EU ihrerseits mit Vergeltungszöllen antwortet. Die Folge wären heftige negative Auswirkungen auf Wachstum und Inflation beiderseits des Atlantiks mit Folgen für die Politik der Zentralbanken.
Wie reagieren die Finanzmärkte?
Aktuell komme es darauf an, ob die Finanzmärkte mit einem Nachgeben Europas oder einer Eskalation rechnen. Eine negative Marktreaktion könnte die wirtschaftlichen Schäden für die USA erhöhen und Stimmen im Kongress stärken, die die Maßnahmen der Regierung eindämmen wollen.
Derzeit erscheine das Risiko europäischer Vergeltungsmaßnahmen hoch. Dänemark habe keine Bereitschaft gezeigt, Grönland abzugeben. Und einer "ARD"-Umfrage zufolge betrachteten nur noch 15 Prozent der Deutschen die USA als verlässlichen Partner. Dieses Szenario könnte laut Schulz einen großen "stagflationären Schock" auslösen.
Die Erwartung höherer Inflation in den USA könnte die US-Notenbank dazu veranlassen, von weiteren Zinssenkungen abzusehen. Andererseits könnte sie sich aber auch bei Anzeichen schwächeren Wirtschaftswachstums zu weiteren Lockerungen veranlasst sehen. Eine Reaktion der EZB mit einer strafferen Geldpolitik könne nicht ausgeschlossen werden, auch wenn dies den Wachstumsschock verstärken würde. Eine erhöhte Inflation dürfte auch für die Bank of England den Spielraum für Lockerungen einschränken.
Druck auf Risikoanlagen
Die Gefahr eines eskalierenden Handelskriegs zwischen den größten Volkswirtschaften der Welt erscheint laut Schulz aktuell deutlich größer als nach dem "Liberation Day". Darunter würden Risiko-Assets leiden, vor allem europäische Industrieunternehmen mit USA-Exposure und US-Dienstleistungsunternehmen, die von den europäischen Märkten abhängig sind.
Schulz rechnet mit Kursgewinnen für den Euro, wenn europäische Investoren Kapital aus den USA abziehen. Das könne US-Treasuries schaden und ebenfalls den Druck auf die US-Regierung erhöhen. In diesem Szenario würden allerdings weder der Dollar noch der Euro als sichere Häfen fungieren. Vielmehr wären Edelmetalle und möglicherweise der Yen die Haupt-Nutznießer, so Schulz. (dv)















