Deuten die anstehenden milliardenschweren Börsengänge in den USA auf ein Ende der jahrelangen Wall-Street-Rally hin – so wie das in der Vergangenheit mitunter der Fall war? Für Stephan Kemper, Chefinvestmentstratege im Wealth Management bei BNP Paribas, greift diese Sicht zu kurz. "Man darf Korrelation nicht mit Kausalität verwechseln", betont er in einem aktuellen Marktkommentar. "Es ist völlig rational, dass Unternehmen in boomenden Märkten an die Börse gehen wollen." Dennoch könnten die IPOs einen Hinweis darauf geben, wohin die Reise am Aktienmarkt geht.

Anlass für Kempers Einschätzung ist das Listing von SpaceX, dem bald Börsengänge der KI-Giganten OpenAI und Anthropic folgen sollen. Der Anlagestratege erinnert daran, dass amerikanische Unternehmen im gesamten vergangenen Jahr nur 77 Milliarden US-Dollar über IPOs eingeworben haben. "Nun schicken sich drei Schwergewichte an, in nur wenigen Monaten rund 200 Milliarden US-Dollar an der Börse einzusammeln", erläutert er. Angesichts einer mehrfachen Überzeichnung bei SpaceX lohne sich daher der Blick auf die Bedeutung dieser Börsengänge für das Marktklima. 

"Gefahr einer schmerzhalten Trendwende"
Kemper sieht die drei IPOs dabei als Wette auf Rechenleistung und KI. "Unternehmen können dieses kapitalintensive Rennen nicht mehr ohne frisches Geld erfolgreich fortführen", schreibt er. Die Börsengänge seien an sich "weder ein klares Positiv- noch Negativsignal für den Gesamtmarkt, sondern schlicht das Hinzufügen von erheblichem zusätzlichem Kapital in das gesamte KI-Ökosystem". Es handle sich gewissermaßen um ein "öffentliches Referendum" mit Blick auf die technologisch führenden, aber bisher wenig profitablen Tech-Segmente.

Der Chefstratege ist überzeugt: "Die tatsächliche Marktreaktion liefert eine präzise Schablone für das weitere Vorgehen. Verlaufen die Debüts reibungslos und halten sich die Kurse, bedeutet das 'Game On' für den gesamten KI-Trend." Das dürfte auch andere Tech-Konzerne zu weiteren Investitionen animieren. "Sollten die IPOs jedoch straucheln, wäre das ein deutliches Zeichen dafür, dass der Optimismus unter Investoren nicht unbegrenzt ist", mahnt Kemper. In diesem Fall bestünde die "Gefahr einer schmerzhaften Trendwende" am Aktienmarkt. (fp)