Peter Reichel, Chief Investment Officer der Privatbank Oddo BHF, rät im derzeitigen Marktumfeld zu einer gezielten Beimischung von Gold – und das nicht unbedingt in der Hoffnung auf einen neuen Preisanstieg.

"In der aktuellen Situation sehen wir Gold primär als Stabilisator im Portfolio, nicht als Renditequelle", erläutert Reichel in einem Marktkommentar. "Seine Funktion liegt darin, das Gesamtportfolio gegen 'Tail Risks' aus Geopolitik und Inflationsunsicherheit abzusichern. Gold übernimmt damit eine Funktion, die in volatilen Marktphasen an Bedeutung gewinnt: die eines Ankers, der zusätzliches Risiko an anderer Stelle tragbar macht."

Auf die Realzinsen kommt es an
Gold gelte als Inflationsschutz, angesichts recht hoher Teuerungsraten habe der jüngste Preisrückgang des Edelmetalls daher viele Investoren irritiert, so Reichel. Doch dabei würden sie einen wichtigen Punkt übersehen: "Nach unserer Einschätzung reagiert Gold in erster Linie nicht auf die Höhe der Inflation, sondern auf die Unsicherheit über ihren weiteren Verlauf. Eine Welt, in der Inflationspfade schwerer prognostizierbar sind, bleibt ein günstiges Umfeld für Gold – unabhängig davon, ob die Inflationsraten weiter sinken."

Die eigentliche Weichenstellung für Gold liegt Reichel zufolge ohnehin nicht in der Inflation selbst, sondern in der Entwicklung der Realzinsen, also den um die Inflationserwartung bereinigten Nominalzinsen. "Die Märkte bewegen sich erkennbar auf das Ende des Zinserhöhungszyklus zu", meint der Ökonom. "Die EZB hat ihre Leitzinsen bereits angehoben, und auch die Fed bleibt restriktiv eingestellt." Gleichzeitig dürften die Inflationserwartungen tendenziell sinken.

"Diversifikator und Risikopuffer"
"Die Kombination aus auslaufendem Zinserhöhungszyklus und nachgebenden Inflationserwartungen führt dazu, dass sich die Realzinsen stabilisieren oder dass sie allenfalls moderat steigen", argumentiert Reichel. "Das schafft unserer Einschätzung nach ein Umfeld, in dem Gold seine Stärke als Diversifikator und Risikopuffer ausspielen kann. Historisch entsteht das stärkste Umfeld für Gold genau dann, wenn Realzinsen ihren Höhepunkt erreichen oder bereits überschritten haben." (fp)