"Die Vereinigten Staaten machen keinen Hehl mehr daraus", mahnt Philippe Waechter, Chefvolkswirt der Natixis-Tochter Ostrum Asset Management, in einem aktuellen Kommentar. "Nach den Zöllen wird nun im Spiel um die Macht ein weiterer Hebel eingesetzt: die Währung." Gemeint sei nicht der US-Dollar als Symbol, sondern das System, das ihn unverzichtbar mache. Die Frage laute nicht mehr "Wer produziert was?", sondern "Wer ist von wem abhängig?". Und wie diese Abhängigkeit geschaffen werde. Die monetäre Beziehung zwischen Staaten über die Wechselkursparität spiele dabei eine direkte und äußerst wirksame Rolle.

"Der Kern des Problems liegt in der Fragmentierung der Weltwirtschaft", so Waechter. "Kein kooperativer Rahmen mehr, keine gemeinsamen Regeln mehr, jeder Block spielt sein eigenes Spiel." Die Währung werde damit zu einer Art Beziehungswaffe, einem Mittel, um politische Schulden zu schaffen. "Als Washington vor einigen Monaten für den argentinischen Peso intervenierte, ging es nicht nur um ideologische Affinität", blickt der Ökonom zurück. "Es ging darum, Argentinien abhängig zu machen." Was wie eine freundschaftliche Geste aussehe, schaffe eine Asymmetrie. Denn wer unterstützt, könne danach Forderungen stellen.

Fragliche Freundlichkeit
Die gleiche Logik habe Ende Juli gewirkt, als das US-Finanzministerium den Kurs des Yen gestützt habe. Vermeintlich "freundschaftliche" Unterstützung für ein befreundetes Land sei am Werk gewesen. "Doch der zeitliche Zusammenhang mit bilateralen japanisch-amerikanischen Verpflichtungen war keineswegs zufällig", so Waechter. Der im Anschluss daran gestützte koreanische Won bestätige dieses Muster nur. Die Währungsunterstützung sei Teil eines Netzwerks der Verpflichtungen.

Ein Detail hält Waechter für geradezu schockierend: Die Yen-Intervention sei in Euro erfolgt, nicht in Dollar. "Die Wahl dieses Währungsinstruments könnte auf eine Schwäche der US-Zinskurve hindeuten nach den vagen Äußerungen von Kevin Warsh zur Geldpolitik", vermutet Waechter. Vor allem aber sende sie eine Botschaft: Der Euro sei inzwischen ein Instrument, das in einer Strategie, die nicht seine eigene ist, auf den Rang eines Werkzeugs reduziert werde.

Abhängigkeiten werden geschaffen
Um dies zu verstehen, müsse man das Schema einer polarisierten Welt heranziehen: Auf der einen Seite die Kernländer – USA, China, Eurozone – und auf der anderen Seite die übrigen Peripherieländer, die durch explizite oder stillschweigende Verpflichtungen miteinander verbunden seien. Zwischen den großen Zonen schwanke der Wechselkurs. Für die anderen Länder innerhalb jedes Pols aber verfestige er sich.

Und diese Verhärtung schaffe Abhängigkeiten. Die jeweils lokale Geldpolitik verliere ihre Autonomie, die Finanzstabilität werde an Bedingungen geknüpft, und der Zugang zu externer Unterstützung werde strategisch. Waechter: "Das ist der Kern der amerikanischen Intervention." Der Wechselkurs sei nicht mehr nur ein Ergebnis ökonomischen Handelns, sondern werde zum Gegenstand aktiver Steuerung, genau wie Zölle, Allianzen oder Lieferketten.

Europa droht zum Spielball zu werden
Aus dem europäischen Blickwinkel bedeute das: Der Diskurs der EZB sei defensiv und ausgerichtet auf Souveränität, Schutz und Widerstandsfähigkeit. "Im Grunde haben wir es mit einer nach innen gerichteten Eurozone zu tun, die darauf bedacht ist, nicht angegriffen zu werden", so Waechter. Die US-Strategie hingegen sei offensiv mit dem Ziel, den Dollar unverzichtbar zu machen und diese Abhängigkeit dann durch gezielte Interventionen zu festigen.

"Kann sich Europa damit begnügen, sich nur zu verteidigen, in einer Welt, in der die Währung als Einflussmittel dient?", stellt Waechter schließlich als rhetorische Frage. Der Wechselkurs müsse als Instrument der Projektion betrachtet werden, als Teil einer kohärenten Außenpolitik. Andernfalls bleibe Europa zwar ein großer Markt, aber ein Akteur, der den monetären Spielen der anderen ausgeliefert ist. Waechters Fazit: "Technische Debatten verschleiern das Wesentliche, nämlich dass die Währung wieder zu einem Machtinstrument geworden ist." Das werde inzwischen unverschleiert offensichtlich. (hh)