Die extreme Hitze könnte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der Europäischen Union im Jahr 2026 um rund 1,1 Prozent reduzieren, was ungefähr 200 Milliarden Euro entspricht. Zu diesem Ergebnis kommt eine Analyse der Triodos Bank. Deutschland droht sogar in eine Rezession abzurutschen, betont Hans Stegeman, der Chefökonom der niederländischen Bank.

Stegeman und seine Kollegen haben ihren Bericht "Hot Summer Economics" vor dem Hintergrund der Rekordhitze verfasst, unter der weite Teile Europas seit Wochen leiden. Die heißen Temperaturen und die anhaltende Dürre würden Menschen, Ökosystemen und der Infrastruktur zusetzen, so die Analysten. Sie haben versucht, die wirtschaftlichen Folgen in vier Bereichen zu quantifizieren: Nahrungsmittel und Landwirtschaft, Energieerzeugung, Transport und Logistik sowie Arbeitsproduktivität.

Frankreich trifft es besonders hart
Die Auswirkungen unterscheiden sich deutlich von Land zu Land, so die Autoren. In Deutschland dürfte die extreme Hitze das Wachstum 2026 um 0,8 Prozentpunkte dämpfen: Statt eines von der EU-Kommission erwarteten Plus von 0,6 Prozent käme es zu einem leichten BIP-Rückgang. In Frankreich könnte das Wachstum sogar um 1,5 Prozentpunkte niedriger ausfallen als ursprünglich erwartet, was eine Schrumpfung der Wirtschaft um 0,7 Prozent bedeuten würde.

"Auch Italien, Spanien und in geringerem Maße Belgien sehen sich erheblichen Verlusten gegenüber", teilt die Bank mit. "In den Niederlanden würde eine geschätzte Verringerung des BIP-Wachstums um 0,9 Prozentpunkte die Wirtschaft weitgehend stagnieren lassen, während Polen weniger stark betroffen ist, da dort mit weniger extrem heißen Tagen gerechnet wird."

Sinkende Arbeitsproduktivität
Der Bank zufolge ist ein Rückgang der Arbeitsproduktivität die am klarsten nachgewiesene wirtschaftliche Folge der diesjährigen Hitze. Die Triodos Bank beziffert den durchschnittlichen Produktivitätsverlust auf rund 0,6 Prozent des EU-BIP. Hinzu kämen Ertragsausfälle in der Landwirtschaft (bei einem erwarteten Rückgang der EU-Agrarproduktion um drei bis sieben Prozent) und steigende Lebensmittelpreise, eine eingeschränkte Stromerzeugung mit höheren Strompreisen sowie Beeinträchtigungen von Straßen-, Schienen- und Binnenschifffahrtswegen. All das erhöhe die wirtschaftlichen Schäden zusätzlich.

"Dieser Sommer zeigt, dass der Klimawandel kein fernes Wirtschaftsrisiko ist. Die extreme Hitze, die wir heute alle erleben, macht ganz konkret sichtbar, wie der Klimawandel Leben, Arbeit und Wohlstand in Europa beeinträchtigen wird", sagt Stegeman. Der für dieses Jahr erwartete BIP-Verlust sei "ein realer Schaden, aber noch keine Katastrophe", so der Ökonom. "Doch die extreme Hitze in diesem Jahr ist nur ein Vorgeschmack auf das, was uns bevorsteht, wenn wir beim Klimaschutz nicht schnell und entschlossen handeln." Das wirksamste Mittel, um diese Kosten zu senken, sei die Begrenzung des Klimawandels. "Das bedeutet, unsere Lebensstile zu ändern und unsere Volkswirtschaften so zu transformieren, dass wir weniger Energie und Ressourcen verbrauchen."

Klimaanpassung alleine reicht nicht
Stegeman und seinen Kollegen zufolge ist es unumgänglich, sich an das geänderte Klima anzupassen, etwa mit besser gedämmten Gebäuden, einer "klimaresilienten" Infrastruktur und anderen Arbeitszeiten. Allerdings könne Anpassung nur einen Teil der Verluste verringern. "Die einzigen Maßnahmen, die die Kosten wirklich verhindern können, sind entschlossener Klimaschutz und die Begrenzung des Klimawandels", so die Bank. (fp)