Die hohe Inflation ist nur ein vorübergehendes Phänomen, werden die Chefs der großen Notenbanken nicht müde zu betonen. Auch Frédéric Leroux, Mitglied des Strategischen Investmentkomitees bei Carmignac, hält es für wahrscheinlich, dass der Inflationsdruck bald wieder nachlässt. "Die deflationären Kräfte existieren nach wie vor", betont er. Allerdings weist er zugleich darauf hin, dass zwei voneinander unabhängige Dynamiken wider Erwarten doch eine dauerhafte Teuerung bewirken könnten. Für die Fed und die Europäische Zentralbank (EZB) wäre das ein Problem.

Die erste Dynamik sind die hohen Strom- und Energiepreise. Fossile Brennstoffe lassen sich offenbar nicht so leicht ersetzen wie erwartet oder erwünscht, kommentiert Leroux. "Ein strenger Winter könnte den Energiepreisschub verschärfen und verlängern, was wiederum Auswirkungen auf die Weltwirtschaft hätte." Die zweite Dynamik beobachtet der Carmignac-Experte derzeit auf dem US-Arbeitsmarkt: Weil Arbeitnehmer dank der umfangreichen Corona-Hilfsprogramme hohe Rücklagen haben, können sie bei der Rückkehr an ihren Arbeitsplatz in aller Ruhe über Geld verhandeln. "Damit haben sie erstmals seit über 40 Jahren bei Lohnverhandlungen die Oberhand", sagt Leroux. Die Folge ist womöglich eine Lohn-Preis-Spirale.

Schluss mit "Whatever it takes"
Eine dauerhaft hohe Inflation hält Leroux nach wie vor für unwahrscheinlich. "Dennoch sollten Zentralbanken auch dieser Möglichkeit ihre Aufmerksamkeit schenken", mahnt er. Sollte sich die Teuerung doch verfestigen, würde sie zum bestimmenden Faktor für die Höhe der Zinssätze. Die Zentralbanken hätten gar keine andere Wahl, als zu reagieren, ist Leroux überzeugt. "Die Zeiten, in denen die Zentralbanken uns bei der kleinsten wirtschaftlichen Abkühlung zu Hilfe eilen, wären vorbei", sagt er. Das Fazit des Carmignac-Strategen: "Wir könnten einen echten Paradigmenwechsel erleben." (fp)