Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist die wichtigste Größe in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung. Länder werden damit verglichen, das Wachstum wird damit beziffert, manche gehen so weit, es als Wohlstandsindikator zu bezeichnen. Dabei ist das BIP lückenhaft, undifferenziert und kurzsichtig.

Unbezahlte Arbeit wie Pflege oder Freiwilligendienste sind darin nicht abgebildet. Anstatt dessen werden alle bezahlten Leistungen ohne Wertung miteingerechnet –  auch jede noch so ruinöse Wirtschaftsleistung hat einen positiven Effekt: Umweltverschmutzende oder ausbeuterische Produktion pusht das BIP, auch wenn dadurch die Lebensbedingungen langfristig schlechter werden.

"Genauere Messung nötig"
Unter die Vorschläge für eine bessere Gesamtrechnung reihen sich nun Forscher der Universität Cambridge ein. In einem Thesenpapier drängen sie auf eine genauere Wirtschaftsmessung als Grundlage für eine effektivere Wirtschaftspolitik.

Ein alternativer Messrahmen müsse auf "Wohlstandswirtschaft" basieren und nicht nur auf dem BIP: "Der Wohlstand wird durch den Zugang zu einer Reihe von Wirtschaftsgütern bestimmt, die die Menschen benötigen, um ihr wirtschaftliches Potenzial zu entfalten, und durch die langfristige Fähigkeit der Wirtschaft, nachhaltiges Wachstum und einen verbesserten Lebensstandard zu erzielen", schreiben die Forscher in einer Aussendung. Konkret soll der Zugang zu sechs Arten von Wirtschaftsgütern gemessen werden, die in Summe den umfassenden Wohlstand eines Landes ergeben:

  • Physische Vermögenswerte und produziertes Kapital, einschließlich Zugang zu Infrastrukturen und neuen Technologien
  • Nettofinanzkapital
  • Naturkapital, die Ressourcen und Dienstleistungen der Natur
  • Immaterielle Vermögenswerte wie geistiges Eigentum und Daten
  • Humankapital, die angesammelten Kompetenzen sowie die körperliche und geistige Gesundheit des Einzelnen
  • Soziales und institutionelles Kapital

Natürliches und soziales Kapital
"Der Fortschritt des 21. Jahrhunderts lässt sich nicht mit den Statistiken des 20. Jahrhunderts messen", sagt die leitende Professorin Diane Coyle. Das Naturkapital, das die Bausteine aller anderen Kapitalformen bildet, sei in der Regel beispielsweise rückläufig.

Ein Wachstum, das sich aus der Erschöpfung des natürlichen Kapitals ergibt, beraube zukünftige Generationen des Wohlergehens. Auch für die Einbeziehung des "Sozialkapitals" gibt es handfeste Gründe: Je stärker und produktiver eine Volkswirtschaft, desto höher ist in der Regel das Maß an Sozialvertrauen.

Oligarch als Sponsor
Einen denkwürdigen Aspekt steuern aber die Unterstützer des Cambridge-Projektes bei, das unter dem Schlagwort "Wealth Economy" läuft. Es wird von der Investorengruppe Letter One gesponsert. Deren Mitgründer ist der russisch-ukrainische Milliardär Michail Fridman.

Die europaweite Berichterstattung bescheinigt Fridman im eigenen wirtschaftlichen Handeln bis jetzt wenig Zuneigung zu demokratisch-liberalen Methoden. Die regierungskritische russische Zeitung Kommersant verklagte er einst auf millionenhohen Schadensersatz. In Spanien wurden vor Kurzem Ermittlungen der Polizei für Wirtschafts- und Finanzkriminalität gegen Fridman bekannt, bei denen die Anwendung "krimineller Methoden" bei Unternehmensübernahmen im Raum standen. Er wird in der spanischen Öffentlichkeit auch für die Umweltkatastrophe durch den Öltanker "Prestige" vor der nordspanischen Atlantikküste mitverantwortlich gemacht, an dem eine seiner Firmen beteiligt war. (eml)


Service: Download der Studie unter https://mma.prnewswire.com/media/956353/Measuring_wealth_delivering_prosperity.pdf