An der Börse fürchtet man sich dieser Tage nicht mehr vorrangig vor plötzlichen Korrekturen, sondern vor allem vor einer stärkeren Inflation. Diese Angst belastet einerseits die Rentenmärkte und könnte im Frühjahr auch zu deutlichen Kursrückschlägen an den Aktienmärkten führen, sagt Andreas Gilgen, Portfoliomanager bei der Alpinum Bank. Im Januar stieg die Inflationsrate im Euroraum auf 0,9 Prozent, den höchsten Wert seit Februar 2020. "Wir erwarten, dass die monatliche europäische Inflationsrate im Jahresverlauf 2021 die Marke von zwei Prozent temporär überschreitet, hauptsächlich beeinflusst durch sogenannten Basiseffekte", sagt Gilgen. 

Zuletzt hat das "Inflationsgespenst" deutliche Spuren an den Rentenmärkten hinterlassen. Langfristige Anleihen haben stark an Wert verloren. So notieren etwa 20-jährige US-Staatsanleihen im Zeitraum von sieben Monaten mit 17 Prozent im Minus, während Anleihen gleicher Laufzeit in der Eurozone in den letzten Monaten knapp acht Prozent einbüßten. "Treibende Faktoren sind einerseits die Erwartungen einer höheren Inflation, aber auch die Erwartung, dass die Zentralbanken mittelfristig die Liquidität aus den Märkten abziehen müssen, um eine Überhitzung der Wirtschaft zu vermeiden", sagt Gilgen. Inflationsbereinigt blieben die Renditen von Rentenpapieren in Europa tief im Minus und seien deshalb wenig interessant.
 
Überraschungen nicht ausgeschlossen
Bei der Kerninflation - also der Teuerungsrate ohne Berücksichtung von Lebensmittel- und Energiepreisen - erwartet Gilgen noch wenig Veränderung. Deshalb sollten sich die Inflationszahlen im Jahresverlauf wieder auf einem tieferen Niveau einpendeln. "Sondereffekte im feinen Gefüge von Angebot und Nachfrage könnten jedoch zu Überraschungen führen, die die Inflation auch längerfristig über erwarten ansteigen lassen könnte", sagt Gilgen. (fp)