Bond-Profi: Investoren unterschätzen diese Assetklasse
Die Anleihen vieler Schwellenländer bieten hohe Risikoprämien, und die Märkte weisen deutlich bessere Fundamentaldaten auf, als zahlreichen Investoren bewusst ist, sagt Marcelo Assalin von William Blair. Gerade in Frontier Markets und Distressed Debt sieht der Portfoliomanager Chancen.
Emerging-Markets-Anleihen sind heute eine erheblich breitere, diversifiziertere und widerstandsfähigere Assetklasse als vielfach angenommen wird, sagt Marcelo Assalin, Head of Emerging Markets Debt bei William Blair Investment Management. Obwohl sie sich in den vergangenen Jahrzehnten grundlegend verändert habe, werde sie von vielen Investoren noch immer vor allem mit hohen Risiken und Krisenstaaten assoziiert. "Es besteht noch immer eine Diskrepanz zwischen der tatsächlichen Wertentwicklung von EM-Debt und seiner Wahrnehmung hinsichtlich des Risikos", erläutert Assalin in einem aktuellen Podcast des Hauses.
Nach Angaben des Portfoliomanagers ist das Universum der Schwellenländeranleihen von rund einem Dutzend Ländern und wenigen Dutzend Anleihen Anfang der 1990er-Jahre auf heute nahezu 100 Länder, mehr als 900 Emittenten und ein Marktvolumen von über fünf Billionen US-Dollar gewachsen.
Risikokategorien statt Regionen
William Blair setzt bei der Analyse von Schwellenländern nicht primär auf geografische Regionen, sondern auf Risikokategorien. Länder werden je nach Volatilität in High-, Medium- und Low-Beta-Segmente eingeteilt. Dies ermögliche eine gezieltere Steuerung von Risiken und eine breitere Diversifikation.
Bei der Länderanalyse stehen für das Team zwei Faktoren im Mittelpunkt: die Fähigkeit eines Staates, seine Schulden zu bedienen ("Ability to pay"), und die politische Bereitschaft dazu ("Willingness to pay"). Neben makroökonomischen Kennzahlen spielen daher auch Governance, institutionelle Stabilität und Reformfortschritte eine wichtige Rolle.
Frontier Markets im Fokus
Besonders attraktiv bewertet Assalin derzeit Chancen in Ländern, die sich im Übergang zum Schwellenland befinden. "Wir sind besonders von Opportunitäten im Frontier-Bereich begeistert, wo die Risikoprämien aus unserer Sicht sehr attraktiv im Verhältnis zu den Risiken sind", sagt er. Als Beispiele nennt er unter anderem die Dominikanische Republik, Jamaika, Costa Rica, Paraguay, Uruguay, Ghana, Sambia, Kasachstan, Usbekistan und Sri Lanka.
Viele dieser Länder böten eine Kombination aus attraktiven Währungsbewertungen und hohen lokalen Zinsen. Zudem würden Reformprogramme und die Unterstützung internationaler Institutionen wie des Internationalen Währungsfonds die Fundamentaldaten vieler Staaten verbessern.
Chancen auch in Krisensituationen
Ein weiterer Schwerpunkt des Teams liegt auf Distressed Debt. Gerade in Staaten, die sich in Restrukturierungsprozessen befinden oder kurz davorstehen, sieht Assalin immer wieder interessante Investmentmöglichkeiten. "Wenn ein Land in Schwierigkeiten gerät und die Zahlungen einstellt, fallen die Anleihekurse häufig stark, mitunter in die niedrigen 20er, teils weil viele Investoren zum Verkauf gezwungen sind", erklärt er. "Diese Dislokation kann eine Opportunität schaffen."
Historisch hätten Staatsanleihen nach Zahlungsausfällen durchschnittliche Recovery Rates von rund 55 Cent je Dollar erreicht. Da Anleihen in Krisensituationen häufig deutlich unter diesen Niveaus gehandelt würden, könnten sich für langfristig orientierte Investoren attraktive Einstiegsmöglichkeiten ergeben.
Obwohl China weiterhin der wichtigste Handelspartner vieler Schwellenländer ist, sieht Assalin innerhalb des EM-Debt-Universums derzeit attraktivere Chancen in anderen Märkten. Die vergleichsweise niedrigen Renditen und engen Credit Spreads chinesischer Anleihen machten andere Länder aus Bewertungssicht interessanter.
Positive Perspektiven für die kommenden Jahre
Insgesamt zeigt sich William Blair für die Anlageklasse optimistisch. Viele Schwellenländer verfügten inzwischen über solidere Fiskalpositionen als zahlreiche Industriestaaten, während sich die wirtschaftliche Verflechtung innerhalb der Emerging Markets weiter erhöhe. Für Investoren könne EM-Debt deshalb nicht nur höhere laufende Erträge bieten, sondern auch Diversifikationsvorteile gegenüber traditionellen Anleiheportfolios in den USA und Europa liefern.
"Die zentrale Erkenntnis ist, dass Investoren über kurzfristige Volatilität hinwegsehen sollten", so Assalin. "EM-Debt hat historisch erheblichen Mehrwert geschaffen, und angesichts der heutigen Fundamentaldaten dürfte dies auch künftig der Fall sein." (dv)















